Workshop-Special GA 4/16: Fingerpicking – Merle Travis, Chet Atkins, Reinhard May & Co

In diesem Workshop-Special beleuchten wir die Roots des Fingerpickings und seiner unterschiedlichen Spielarten. Ein Name taucht in der Entwicklung des Fingerpickings immer wieder auf: Merle Travis. In vielen Varianten wird sein Stil bis heute fortgeführt …

In diesem Workshop-Special beleuchten wir die Roots des Fingerpickings und seiner unterschiedlichen Spielarten. Ein Name taucht in der Entwicklung des Fingerpickings immer wieder auf: Merle Travis. In vielen Varianten wird sein Stil bis heute fortgeführt.
Doch auch seine Wurzeln gehen weit zurück – bis in Anfänge des 20. Jahrhunderts, in denen afroamerikanische Künstler wie Blind Blake, Blind Willie McTell und Mississippi John Hurt Blues-, Country-, und Ragtime-Fingerpickings auf der Akustikgitarre meisterten

Diesen Workshop findet ihr in Guitar Acoustic 4/16https://www.ppvmedien.de/guitar-acoustic-04-2016-Printausgabe-oder-PDF-Downloaddirekt hier bestellen!


MISSISSIPPI JOHN HURT – „Lonesome Valley”

Mississippi John Hurt stammt aus Avalon in Mississippi. Er gilt als bekannter Vertreter des Country-Blues. Sein Stil ist eine subtile Mischung aus Blues, Folk, Ragtime und Bluegrass. Typisch für seine Musik sind seine virtuose Fingerpicking-Begleitung und sein leicht und freundlich wirkender Gesang. Einige der von Hurt komponierten und interpretierten Titel zählen heute zu den Standards im Blues-Genre, so etwa der zum Klassiker gewordene Ragtime-Song “Candy Man Blues“. Zu seinen Erfolgen ist auch das von unzähligen anderen Künstlern später ebenfalls inter- pretierte Lied „Stagger Lee“ zu zählen.

Mississippi John Hurt wurde bereits 1928 durch Aufnahmen wie „Avalon Blues“ für das Label Okeh Records bekannt. Im Zuge des Folk-Revivals in den 1950er und frühen 1960er Jahren entdeckte man ihn wieder – allen voran der Musikforscher Tom Hoskins – und überredete ihn 1963 zu neuen Aufnah- men. Bis zu seinem Tod 1966 erlangte Hurt eine enorme Popularität. Seine Spielweise wurde zum Wegbereiter und Vorbild für zahl- reiche nachfolgende Fingerpicking-Größen. Er besaß bereits in den 1920ern die Fähigkeit – ähnlich wie Blind Blake –, eine Basslinie und gleichzeitig Melodie und Rhythmus-Begleitung zu spielen.

„Lonesome Valley“ ist ein traditioneller Gospel-Song. Er spielte ihn mit beeindruckender Fingerpicking-Technik – wie man es in Pete Seegers TV-Show Rainbow Quest Mitte der 1960er Jahre verfolgen konn- te. Der mit Daumen gespielte Wechselbass ist der Antriebsmotor seines Spiels. Die übrigen
Akkord- und Melodietöne auf den oberen Saiten spielt er mit Zeigefinger und Mittelfinger. Den Ringfinger und den kleinen Finger der rechten Hand legt Mississippi John Hurt als Stütze auf die Gitarren-Decke auf.

SIMON & GARFUNKEL – „The Boxer”

Das Duo Simon & Garfunkel profitierte vom Folk-Boom der 1960er Jahre. In dieser Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs in den USA – schwarze Bürgerrechtsbewegung, Anti-Vietnamkriegsbewegung – lag das Augenmerk des Folkrocks auf politischen und sozialen Problemen. Paul Simon und Art Garfunkel erreichten Mitte der 1960er Jahre mit den Alben Sounds of Silence und Parsley, Sage, Rosemary and Thyme den Höhepunkt ihrer Kariere. Songs wie „Sounds of Silence“, „Scarborough Fair“, „Mrs. Robinson“ und „Homeward Bound“ zählen zu den Klassikern.

„The Boxer“ vom Album Bridge over Troubled Water von 1970 ist ein typisches Folk- Fingerpicking, wie es Paul Simon in vielen seiner Songs spielt. Das Strophen-Zupfmuster geht dabei auf eine einfachere Variante des sogenannten Travis-Picking zurück.

Die Lied-Begleitung mit einfachen Akkorden steht hier im Vordergrund. Die Akkorde C, C/B und Am sind leicht in der ersten Lage zu greifen. Die Abwärtsbewegung der Akkord- Grundtöne von C über B nach A hebt den Harmoniewechsel reizvoll hervor. Die meiste Arbeit hat dennoch die Anschlaghand. Der Daumen spielt eine Wechselbass-Figur, die Hammer-ons auf der D-Saite bringen das Pattern in Fahrt und verleihen dem Song seinen folkigen Charakter. Zeigefinger und Mittelfinger füllen das Pattern mit den übrigen Akkord-Tönen auf der G- und h-Saite.

MERLE TRAVIS – „Midnight Special”

Merle Travis’ Spiel reicht von einfacher Akkord-Begleitung bis hin zu komplexen Solo-Arangements. Er spielte sowohl Akustik- als auch elektrische Gitarre und trug zu technischen Innovationen im Gitarrenbau bei. Er war einer der ersten Country-Stars, der eine elektrische Gitarre einsetzte. Die im Jahr 1948 erschienene Bigsby-Travis-Gitarre, die er zusammen mit dem Techniker Paul Bigsby entwickelte, war eine der ersten E-Gitarren mit Massivholzkorpus.

Merle Travis übernahm das in den 1940er Jahren unter weißen Musikern wenig verbreitete Fingerpicking-Spiel. Bekannte Vertreter waren bislang Blues- oder Ragtime-Gitarristen wie Blind Blake, Blind Willie McTell oder Mississippi John Hurt. Travis popularisierte den ursprünglich von Afroamerikanern in die Musik eingebrachten Stil und machte ihn sich zu eigen, indem er ihn auf die Country-Musik übertrug. Seine Spielweise wird bis heute als „Travis-Picking” weitergegeben.

Die Gitarre wurde dadurch in der Country-Musik vom Rhythmus- zum Melodie-Instrument aufgewertet und konnte – als „Lead-Gitarre“ – eine führende Rolle übernehmen. Travis wurde so zum großen Vorbild von Chet Atkins, der seinerseits das Finger-Picking weiterentwickelte. Der australische Fingerstyle-Gitarrist Tommy Emmanuel zehrte gleichermaßen von Travis’ wie Atkins’ Fingerstyle-Innovationen und gilt heute als einer der besten Interpreten beider Ikonen.

Das Travis-Picking geht über die einfache Liedbegleitung hinaus und füllt das Spiel mit melodischen Motiven und solistischen Einlagen. Bass-Stimme, Akkorde und Melodie sind zu einem komplexen Arrangement ausgereift. Travis spielte mit Daumenpick und dämpfte die Bass-Saiten meist ab. Während nacheifernde Gitarristen das Travis-Picking auf mehrere Finger verteilen, spielte er selbst meist nur mit Daumen und Zeigefinger. Die übrigen Finger stützte er als Ankerpunkt auf der Gitarrendecke ab. Umso staunenswerter ist das füllige Klangresultat: Man meint, zwei oder drei Gitarren gleichzeitig zu hören.

Die Unabhängigkeit von Daumen und Fin- gern kann beim Travis-Picking mitunter zum Schwierigkeits-Parkour werden, etwa im rasanten „Cannonball Rag”.  In „Midnight Special” dagegen kommt sein Blues-beeinflusstes Fingerpicking zur Geltung. Er begleitet zunächst seinen Gesang und fügt solistische Einlagen hinzu. Der Daumen trägt das Ganze als Wechsel- und Walking- Bass. Die Bass-Saiten werden dabei abgedämpft. Darüber spielt er, nur mit dem Zeigefinger, einzelne Akkord-Töne, die er zu einer synkopierten Melodie zusammenfügt.

BOB DYLAN – „Don’t Think Twice, It’s All Right”

Bob Dylan begann in den 1950er Jahren als Folk-Musiker. Ein Jahrzehnt später wandte er sich dem Rock zu. Zahlreiche seiner Songs, darunter etwa „Blowin’ In the Wind”, „Mr. Tambourine Man” oder „Like A Rolling Stone”, sind zu absoluten Evergreens geworden. Unzählige Rock- und Popgrößen haben Dylan-Kompositionen gecovert.

Bob Dylan hat die Entwicklung der Pop- Musik seit den 1960er Jahren wie kaum ein anderer Musiker beeinflusst. Er schöpft aus dem riesigen Fundus traditioneller populärer amerikanischer Musik von Folk über Country bis zu Gospel, Blues und Rock ’n’ Roll.
Mit seiner Akustik-Gitarren-Begleitung hat er besonders zu Beginn seiner Karriere spielerische Fähigkeiten bewiesen; seine Fingerpicking-Begleitung war ambitioniert und fortschrittlich. In seiner weiteren Laufbahn traten gitarristische Leistungen allerdings in den Hintergrund, Dylan legte seinen Fokus später mehr und mehr aufs Songwriting.

„Don’t Think Twice, It’s All Right“ stammt vom Album The Freewheelin’ Bob Dylan von 1963. Für den Song legte Dylan einen Kapodaster im vierten Bund an. Die Akkordgriffe C, G, Am und F wechseln dabei taktweise und werden von einem flotten Chord-Picking im Stile von Merle Travis zerlegt. Der Daumen
übernimmt den durchgehenden Wechselbass im Viertel-Rhythmus.

Im Grund-Pattern des ersten Taktes erfolgt auf der Zählzeit „2” ein so genannter „Pinch”; hier schlagen Daumen und Mittelfinger gleichzeitig die D- und h-Saite an. Auf der Zählzeit „3 und” schlägt der Zeigefinger die leere G-Saite an und fügt dem Pattern eine Synkope hinzu. Die Legato-Einlage auf der e-Saite verziert den G-Dur-Akkord mit einem melodischen Motiv.

CHET ATKINS – „Mr. Sandman”

Chet Atkins zählt ganz ohne Zweifel zu den bekanntesten und einflussreichsten Fingerpicking-Gitarristen. Seine Karriere zieren zahlreiche Hit-Platzierungen und die Aufnahme in die Country Music Hall of Fame. 2002 wurde er posthum auch in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. In den 1960ern stieg Atkins zum erfolgreichsten Produzenten Nashvilles auf und gilt als Mitbegründer des „Nashville Sound“. Dabei spielte der „Mister Guitar“ genannte Atkins selbst zahlreiche Langspielplatten mit größtenteils instrumentaler Musik ein. Darunter waren etliche Duett-Alben mit Stars wie Hank Snow, Jerry Reed oder seinem Vorbild Merle Travis. 1965 hatte er mit „Yakety Axe“ seinen größten Hit.

Seine Fingerstyle-Technik entsprang der Merle-Travis-Spielweise und etablierte sich neben Folk, Country und Blues auch in anderen Stilistiken wie Jazz und Pop. Er beherrschte den Wechselbass-Groove mit Daumen-Pick perfekt und konnte darüber völlig unabhängig Melodie und Akkorde zu einem komplexen Solo-Arrangement zusammenfügen.

Die Nummer „Mr. Sandman” stammt von Songwriter Pat Ballard und wurde 1954 zum Nummer-eins-Hit. Atkins zauberte ein Jahr später eine staunenswerte Instrumental-Version mit meisterhaftem Fingerpicking. Er spielte den Song auf seiner Gretsch 6120 über einen EchoSonic-Amp mit eingebautem Band-Echo, das den typischen Slap-Back-Echo-Effekt produzierte.

Die markante Harmoniefolge besteht aus Septim-Akkorden die im Quintenzirkel entgegen dem Uhrzeigersinn verlaufen: A, G#7, C#7, F#7 und B7. Atkins spielt den abgedämpften Wechselbass mit dem Daumen und teilt die Melodie samt Akkorden geschickt auf Zeigefinger, Mittelfinger und Ringfinger auf.

REINHARD MEY – „Über den Wolken“

Reinhard Mey zählt zu den deutschen Liedermachern. Zwischen 1967 (Ich wollte wie Orpheus singen) und 2016 (Mr. Lee) brachte er 27 Studioalben heraus. Von 1986 bis 2004 veröffentlichte Reinhard Mey seine Studioalben im Zwei- und seither im Drei-Jahresrhythmus, jeweils im Mai.

Seinen größten Erfolg veröffentlichte er mit der LP Mein achtel Lorbeerblatt 1972, das den inzwischen zum Evergreen gewordenen Titel „Gute Nacht, Freunde“ enthält. Ein weiteres sehr bekanntes Lied von Mey ist „Über den Wolken” von 1974, das zunächst als B-Seite der Single „Mann aus Alemannia” erschien.

In „Über den Wolken” verwendet er ein typisches Folk-Picking im Stile von Merle Travis. Der Daumen übernimmt den Wechselbass auf den Zählzeiten 1 und 3. Zeigefinger, Mittelfinger und Ringfinger teilen sich auf G- Saite, h-Saite und hohe e-Saite auf.

Beim ersten Akkord Bm schlagen Daumen und Ring- finger gleichzeitig die A-Saite und hohe e-Saite auf der Zählzeit „1“ an. Für den Synkopen-Effekt schlagen der Zeigefinger auf der „2 und” die G-Saite sowie der Ringfinger auf der „3 und” die hohe e-Saite an. Das Pattern wird oft durch Hammer-ons auf der „1” verziert und erweitert. Das Picking von „Über den Wolken” ist flott und anspruchsvoll, da es alle Finger beansprucht.

Text, Noten & Videos: Martin Weiß

https://www.martin-weiss.info