Interview: Pohlmann

Ingo Pohlmann empfand es immer als etwas unpassend mit seinem Hit „Wenn jetzt Sommer wär“ als deutscher Jack Johnson bezeichnet zu werden. Nach vier Jahren Pause ist er mit seinem neuen Album "Weggefährten" zurück …

Das letzte Album ist jetzt gut vier Jahre her. Was ist in dieser Zeit bei dir passiert?

Ingo Pohlmann: Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Ein Kind ist in mein Leben getreten, ich trinke keinen Alkohol mehr, und ansonsten habe ich Musik gemacht und mir viel Zeit für dieses Album genommen. Mal eben einen kreativen Moment ausleben ist mit Kind von der Organisation her nicht so einfach.

Also hat sich vor allem der kreative Prozess verändert?

Ja, aber auch strukturell hat sich einiges getan. Mein Management und meine Plattenfirma haben gewechselt. Sony wurde von Universal übernommen, ich hatte Angst, in dieser großen Bürokratie unterzugehen, und habe mich deshalb anderweitig umgesehen.

Du hast mal in einem TV-Interview gesagt, dass du gern auf der Toilette schreibst. Wie kam es denn dazu?

Ja, das ist etwas missverständlich. Ich hab jetzt nicht Zettel und Papier dabei, wenn ich auf der Toilette bin. Es ist eher eine Angewohnheit aus der Zeit, als ich auf dem Bau gearbeitet habe. Wenn ich dann zu Hause war, musste ich immer erst mal ins Bad gehen und mir da den Frust von der Seele singen.

Deshalb hat sich dieser kleine Raum bei mir durchgesetzt; der Klang in einem gekachelten Bad ist auch einfach besser vom Sound her für Gitarre und Gesang. Egal, was ich da singe und spiele: Das beruhigt mich und gibt ein gutes Gefühl.

 Ein nicht surfender Jack Johnson

Ist es besonders wichtig, beim Songwriting so spontan zu sein?

 Ich denke, jeder hat seine eigenen Wege zur Musik. Da muss man manchmal noch nicht mal die beste Stimme haben. Der Ausdruck, der Wille, die Performance sind eher entscheidend. Das merkt man vor allem beim Hip-Hop. Live bevorzugst du Gibson und Taylor. Gibt es spezielle Modelle, die dir besonders am Herzen liegen? Die Sheryl Crow von Gibson spiele ich seit sieben Jahren. Jetzt habe ich mir eine rote National zugelegt, ein echtes Schätzchen. Die kennt man ja vor allem von Jack White. Mein Sound hat sich insgesamt eher in eine bluesigere Richtung gewandelt, da passt das ganz gut.

 Ist Jack White ein musikalischer Einfluss für dich gewesen?

 Nicht wirklich, aber sein Gitarrensound ist was besonderes. Als ich meine Gitarre kaufte, wusste ich nicht mal, dass er diese Sorte spielt. Bob Marley, Tracy Chapman und Cat Stevens sind meine Einflüsse. Das waren sozusagen meine Gesangslehrer. Später dann hatte Jack Johnson mich dazu inspiriert selbst mehr Gitarre zu spielen. Die ers-ten beiden Platten sind unglaublich! Stimme, Drums und Akustikgitarren in diesem unfassbar klaren Druck und Sound – das hat es für mich vorher so nie gegeben. Das hatte auch mir Mut gemacht, meine eigene Geschichte musikalisch zu schreiben. Allerdings hat es mich immer geärgert, dass man mich damals marketingmäßig oft als den deutschen Jack Johnson bezeichnet hat. Ich kann noch nicht mal surfen. [lacht]

 Welche war deine allererste Gitarre?

 Das war eine alte Konzertgitarre, die bei unserer Familie im Keller stand. Die habe ich dann sozusagen von meiner Mutter bekommen. Das Spielen habe ich mir dann selbst beigebracht. Ich hab’ einfach auf der Gitarre rumgedrückt und gemerkt, dass sich der Ton verändert, wenn ich nach oben rutsche. [lacht] Sie hatte leider auch nur noch drei Saiten. Dazu habe ich dann ein bisschen gesungen und im Keller rumgelungert. Das war meine erste Berührung mit einer Gitarre. Die erste, die ich mir selbst gekauft habe, war dann eine Taylor.

 Mit nur drei Saiten Spaß am Gitarrenspiel zu entwickeln, ist auch schon eine Kunst ...

 Ja, aber ich bin nicht der Einzige, der das gemacht hat. Viel später habe ich in Hamburg einen Landstreicher namens Running Water kennengelernt. Der war übrigens früher mal Vorgruppe von Bob Marley und ist dann in Hamburg gestrandet. Er sang immer: „Don’t worry about a string, ’cause every little string is gonna be alright.“ Es war seine Philosophie des Lebens: Mach’ aus dem, was dir gegeben ist, dein Ding – dann ist es auch dein Bestes. Manchmal reichen auch die kleinen Dinge im Leben. In seinem und meinem Fall waren es drei Saiten. Gibt es einen Song, der dir auf dem neuen Album Weggefährten besonders wichtig ist? Ich hab 33 Songs geschrieben. Nur 13 sind auf der Platte gelandet. Jeder Song hat seine ganz besondere Stelle. Existenzielle Fragen, die sich um das Dasein in der Welt drehen, sind mir wichtig, und die stelle ich mir jeden Tag. Das wird auch im Alter immer spannender. Ich nähere mich auf jeder Platte wieder neu diesem Thema. Auch die erste Single „Himmel und Berge“ befasst sich damit.

 Ein auffällig langes Gitarrensolo und jede Menge Drive gibt es im Song „Sweet Granada“ …

 Der Song handelt von meinem großen, grünen Ford Granada. Das war eine spannende Zeit, und dieser Song bringt das Feeling dieser Zeit rüber.

 Du bist schon einige Jahren als Singer-Songwriter mit deutschen Texten unterwegs. Wie empfindest du die aktuelle deutsche Songwriter-Welle?

 Ich glaube, dass sich die deutsche Sprache extrem verändert. Zu meiner Zeit hatte man immer die Angst, dass es zu sehr Richtung Schlagerfettnäpfchen geht. Ein großer Künstler darin war Udo Jürgens. Heute schaffen es immer mehr Musiker, Kopf und Herz zu verbinden. Vielleicht sind wir gerade dabei, ein ähnliches Selbstverständnis für unsere Sprache zu bekommen wie, es die englische Sprache für sich hat. In England wundert sich ja niemand, wenn auf einmal mehr englischsprachig im Radio läuft, nach dem Motto: „Hey, da kommt die englische Welle!“ [grinst] Für mich persönlich ist es wichtig, dass das, was ich schreibe, auch emotional auf mich zutrifft. Da gilt für mich das Gesetz: Es ist eine Kunst, das Herz zu berühren, ohne das Hirn zu beleidigen. Und das versuche ich umzusetzen.

 Welche deutschen Musiker erfüllen dieses Prinzip für dich?


 Ich mag vor allem Judith Holofernes, Bilderbuch und Höchste Eisenbahn. Da gibt es viele gute neue Sachen, die gerade hochkommen.

 

Text: Natalie Meyer

Fotos: Getty Images, Pitpony Photography