Django Reinhardt – Einer für Alle

Django Reinhardt ist das Aushängeschild des Gypsy-Jazz. Dabei kann der Mann so viel mehr. Wir beleuchten die Spieltechniken und das Leben Django Reinhardts in unserem acoustic-Legends-Workshop und liefern euch Noten/TABs und Soundfiles zum Nachspielen.

Zakk Wylde hörte seine Musik im Tourbus, Willie Nelson spielte seine Songs live, B. B. King sah in ihm einen inspirierenden Meister, und für Jeff Beck fing mit ihm alles an: Django Reinhardt. Neben seiner beeindruckenden Technik ist es vor allem sein unerschöpflicher Erfindungsreichtum, der Musiker aller Genres bis heute zum Staunen bringt.

(Alle Notenbeispiele und deren Soundfiles findet ihr gesammelt am Ende des Artikels!)


In einer Zeit, in der die Gitarre im Jazz vor allem in den Rhythmusgruppen der populären Big Bands zu finden ist, klingen die ersten Aufnahmen des Quintette du Hot Club de France mit Django Reinhardt an der Sologitarre wie von einem anderen Stern. Mit seinem ebenso virtuosen wie unkonventionellen Spiel etabliert er die Gitarre als gleichberechtigtes Soloinstrument und erfindet dabei zugleich die erste in Europa entstandene Spielart des Jazz, den Gypsy-Jazz (auch Gypsy-Swing oder Jazz-Manouche).

Geboren wird Jean-Baptiste „Django“ Reinhardt am 23. Januar 1910 im belgischen Liberchies. Als Manouche (so nennen sich die Sinti, die in und um Frankreich leben) und ältester Sohn einer Artistenfamilie ist er von Kindesbeinen an mit dem Künstlerdasein vertraut. Seine Mutter ist Tänzerin und Akrobatin, sein Vater Musiker. Nachdem sein Erzeuger die Familie früh verlässt, reist Django mit seiner Mutter viel umher. 1918 lassen sie sich am Stadtrand von Paris nieder.

Mit zwölf Jahren bekommt er ein Guitjo geschenkt, ein sechssaitiges Gitarren-Banjo. Schon bald spielt er mit älteren Musikern, begleitet Akkordeonisten und verdient sich sein Geld auf Tanzveranstaltungen, den Bals-Musettes. Die Schule besucht er nur einen Tag und bleibt Zeit 
seines Lebens Analphabet. Auch lernt er nie nach Noten zu spielen. In der Tradition der Manouche lernt man durch das Beobachten, Zuhören und Nachahmen. Als er 1928 zum ersten Mal ein Studio betritt, um mit dem Akkordeonisten Jean Vaissade einige Walzer aufzunehmen, hat er sich bereits einen Ruf als virtuoser Begleiter erspielt.

Glück im Unglück


Der große Schicksalsschlag, der Djangos Leben für immer verändern wird, widerfährt ihm am 2. November 1928. Django lebt inzwischen, zusammen mit seiner ers-ten Frau, in einem Wohnwagen. Er kommt nachts von einem Gig und entfacht mit einer Kerze einen Brand. Sowohl seine Frau als auch er kommen mit dem Leben davon, Django erleidet jedoch schwere Brandverletzungen. Er verbringt fast anderthalb Jahre in stationärer Behandlung.

Neben seinem rechten Bein ist vor allem seine linke Hand in Mitleidenschaft gezogen worden. Dies hat zur Folge, dass der Ringfinger und der kleine Finger der Greifhand von nun an 
deformiert und auf Grund einer Sehnen-verkürzung nahezu unbeweglich sind. Ein Handicap, das ihn allerdings eher zu beflügeln als zu lähmen scheint. Er beschäftigt sich bald wieder intensiv mit der Gitarre und entwickelt eine Technik mit einem 
eigenständigen Repertoire an Voicings und Fingersätzen. Schon 1930 tritt er wieder auf und kommt immer häufiger mit amerikanischem Jazz in Berührung.

Louis Armstrong und das Gitarren-Geige-Duo Eddie Lang und Joe Venuti hinterlassen bleibende Eindrücke. In einem Interview gibt er zu Protokoll, ihn habe der Jazz so angezogen, weil er hier die formale Perfektion und instrumentale Präzision finde, die er an klassischer Musik so liebe, die ihm populäre Musik jedoch nicht bieten könne.

Jetzt wird’s heiß


Bei seinen Engagements in diversen Or-chestern spielt er häufig an der Seite des virtuosen Geigers Stéphane Grappelli. Mit den Jam-Sessions, die sie backstage in den Spielpausen veranstalten, legen sie den Grundstein für ihr legendäres Ensemble Le Quintette du Hot Club de France. Das erste Quintett besteht in leicht variierenden Besetzungen bis zum Kriegsausbruch im Jahre 1939.

Der Sound der Combo ist zum damaligen Zeitpunkt beispiellos – eine Jazzband, die nur aus Saiteninstrumenten besteht. Anstelle eines Schlagzeuges bilden zwei Gitarren mit treibendem, perkussiven Viertelrhythmus, dem „Pompe-Manouche“, das rhythmische Fundament. In seinen Soli verbindet Django ein Gespür für Swing mit „Gypsy-Tricks“ (Barney Kessel).

Im Dezember 1934 werden die ersten Aufnahmen gemacht. Die vier Stücke „Dinah“, „Tiger Rag“, „I Saw Stars“ und „Lady Be Good“ sorgen für Furore.

Mit „Jungo Rheinart“ [sic] habe man nun endlich auch in der Hauptstadt einen Improvisator, dessen Stil mit keinem anderen vergleichbar ist, schreibt ein französischer Kritiker 1934. Django tritt immer häufiger auch als Komponist in Erscheinung. Bald besteht das Repertoire des Quintetts zu großen Teilen aus eigenen Kompositionen.

Über Frankreichs Grenzen hinaus erlangt seine Band Berühmtheit und ist bald in ganz Europa unterwegs. Das war mit einem Charakter wie Django Reinhardt sicher nicht immer ganz einfach. Er neigt zur Unzuverlässigkeit, ist sprunghaft und hat einen Hang zum Glücksspiel.

Kriegsjahre


Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verändert sich die Situation. Das erste Quintett löst sich auf, Stéphane Grappelli bleibt nach einer Tour in England, und Django gründet in Paris ein neues Quintett, bei dem er eine Gitarre durch ein Schlagzeug und die Geige durch eine Klarinette ersetzt. Als die deutsche Wehrmacht 1940 Paris besetzt, ist er als „Zigeuner“ in Lebensgefahr. Seine Berühmtheit und Beliebtheit unter der französischen Bevölkerung bewahrt ihn im Gegensatz zu vielen seiner Angehörigen jedoch vor der Deportation.

Django ist zunächst musikalisch noch sehr aktiv, hält sich jedoch zunehmend bedeckt. Ein Ausreiseversuch in die Schweiz wird unterbunden, bleibt aber ohne negative Folgen. Einige seiner schönsten Kompositionen wie „Nuages“, „Douce Ambiance“ und „Manoir De Mes Reves“ stammen aus dieser schwierigen Zeit.

Bitte kein Blech!


Er übersteht den Krieg unbehelligt und ist nach der Befreiung durch die Alliierten die große Attraktion unter den in Paris stationierten Musikern der US Army. 1946 reist Django auf Einladung von Duke Ellington in die USA – eine Reise, die unter keinem guten Stern zu stehen scheint. Da er ohne eigenes Instrument anreist, muss er auf einer Archtop-Gitarre spielen. Er ist von dieser „Blechpottgitarre“ alles andere als angetan und lässt sich von einem nachreisenden Freund eine seiner geliebten Selmer Maccaferris mitbringen.

Die Konzerte mit dem Orchester von Duke Ellington kommen beim Publikum gut an. Als er zum letzten Konzert allerdings drei Stunden zu spät erscheint, erntet er harsche Kritik, von der er sich nur schlecht erholt.

In New York kommt er zum ersten Mal mit Bebop in Berührung. Dieser virtuose Jazz-Stil hinterlässt bei ihm deutliche Spuren. Außerdem spielt er nun immer öfter verstärkt. Zunächst montiert er einen Mag-nettonabnehmer auf seine Selmer. Später wechselt er ganz zur Archtop-Gitarre.

Djangos früher Tod


Anfang der ’50er Jahre beginnt Django, 
sich immer mehr zurückzuziehen. Er lässt sich mit seiner Frau Naguine und seinem zweiten Sohn Babik in Samois-sur-Seine bei Paris nieder und widmet sich vermehrt der Malerei. Seine letzten Aufnahmen aus dem Jahr 1953 zeigen ihn an der Seite von jungen französischen Jazzmusikern. Hier hört man deutlich, welche Entwicklung sein Spiel in den vielen Jahren seit der Gründung des ersten Quintetts genommen hat und wie unverwechselbar es doch geblieben ist.

Am 16. November desselben Jahres stirbt Django Reinhardt im Alter von nur 43 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls. In Samois-sur-Seine findet er seine letzte Ruhestätte. Der kleine Ort wird im Laufe der Jahre zu einer Pilgerstätte für Gypsy-Jazz-Liebhaber. Seit 1983 findet hier jährlich das bedeutendste Django-Reinhardt-Festival der Welt statt.

Arpeggien


Auf die Frage, was man beachten müsse, um wie Django zu klingen, hat es John Jorgensen auf den Punkt gebracht: „Know your arps!“ Geschickt verknüpfte Arpeggien, häufig in Verbindung mit chromatischen Läufen, sind die wichtigste melodische Grundlage, um Djangos Stil auf die Schliche zu kommen. Dabei bewegt er sich mit seiner Zweifingertechnik vor allem diagonal übers Griffbrett.

Neben einfachen Moll- und Dur-Arpeggien verleiht die häufige Verwendung von verminderten (diminished) Arpeggien seinen Soli eine charakteristische Note. Auf Grund ihres symmetrischen Aufbaus aus kleinen Terzen sind sie vielfach einsetzbar. Sehr beliebt: ein vermindertes Arpeggio auf der Terz, der Quinte oder der Septim eines Dominant-Akkordes starten. Spielt man etwa über A7 (a, cis, e, g) ein E°-Arpeggio (e, g, b, cis), erhält man einen Dominant7b9-Klang. Von solchen „Upper-Structures“ macht er häufig Gebrauch.

Wenn er zum Beispiel ein Moll7b5-Arpeggio von der Terz eines Dominantakkords aus spielt, vermeidet er den Grundton und erhält dafür mit dem Ton h die None des zugrundeliegen-den Akkords. Djangos Einfallsreichtum im 
Umgang mit Arpeggien ist fast unerschöpflich. Er klingt für heutige Ohren schon sehr modern.

Skalen


Anders als in vielen moderneren Jazz-Stilen spielen Skalen eine untergeordnete Rolle. Gern benutzt er Harmonisch-Moll über Dominant-Akkorde. Spielt man eine D-Harmonisch-Moll-Skala, beginnend auf der fünften Stufe (Startton a) über A7, ergeben sich viele spannungsreiche Töne, und man klingt sofort „authentisch“. Immer wieder verziert er dabei seine Linien mit Trillern – schnell gespielten Hammer-ons und Pull-offs. Solche Ornamentierungen lassen deutlich sein Gypsy-Erbe durchblicken.

Oktaven


Eine weitere typische Technik, für die später Wes Montgomery berühmt werden wird, ist die Verwendung von Oktaven. Django nutzt sie schon in frühen Aufnahmen in seinen Soli. Weitere wichtige Stilmittel – wie das Einbeziehen von Leersaiten, Bendings, rhythmisch und dynamisch souverän kontrollierte Tremoli sowie ein kräftiges Vibrato – verleihen seinem Spiel Lebhaftigkeit und den nötigen Drive.

Picking


Hinzu kommt Reinhardts spezifische Plektrumtechnik, das „Gypsy-Picking“. Dabei spielen vor allem Abschläge, die mit einem „Rest-Stroke“ ausgeführt werden, eine große Rolle. Das Plektrum kommt nach dem Abschlag auf der darunter liegenden Saite zu liegen. Klassische Gitarristen kennen 
diese Spielweise in umgekehrter Richtung als Apoyando. Außerdem spielt er beim Wechsel von einer Saite auf die nächste immer einen Abschlag. Wichtig dabei ist das freie Handgelenk. Um die nötige Flexibilität zu behalten, wird es nicht auf den Korpus aufgelegt.

Mit dieser Spielweise erreicht Django einen sehr kräftigen Ton und seine nuancenreiche Dynamik.

Akkorde


Durch sein Handicap ist Django Reinhardt beim Akkordspiel zunächst eingeschränkt. Doch auch hier macht er aus der Not eine Tugend. Da er seine beiden unbeweglichen Finger immerhin auf den hohen Saiten auflegen kann, gibt es einige Akkordgriffe, die für ihn gut funktionieren.

Ein C9-Akkord im dritten Bund, gegriffen mit dem Mittelfinger auf der A-Saite, wird zum Gm6, indem er lediglich den Mittelfinger auf die E-Saite bewegt. Mit solchen Substitutionen erlangt er auch im Umgang mit Akkorden eine bemerkenswerte Flexibilität und erarbeitet sich ein charakteristisches Akkordvokabular.

Korpus im Korpus


Eng mit seinem Sound verknüpft ist der unverkennbare Klang der von ihm gespielten Selmer-Maccaferri-Gitarren. Nach einem Entwurf des italienischen Klassikgitarristen Mario Maccaferri bringt die französische Firma Selmer 1932 die erste Gitarre dieser Bauart auf den Markt. Das Design ist außergewöhnlich: ein D-förmiges Schallloch, genannt „Grande-Bouche“, ein Saitenhalter, der die Stahlsaiten über einen beweglichen Steg führt, ein rechtwinkliger Cutaway und eine durchstoßene Kopfplatte.

Zudem ist bei den ersten Modellen ein zweiter, innerer 
Resonanzkörper zur Klangverstärkung angebracht – ein an der Decke befestigter Korpus im Korpus. Auf diese Kuriosität wird jedoch bald verzichtet, da der klangliche Nutzen die damit einhergehenden Probleme nicht rechtfertigt.

Die Gitarren besitzen eine Mensur von 640 Millimetern, der Hals-Korpus-Übergang ist am 12. Bund. Nachdem Mario Maccaferri die Firma verlässt, entwirft Selmer ein zweites Modell. Mit seinem kleinen ovalen Schallloch, dem „Petite-Bouche“, einer 670 Millimeter langen Mensur und einem Hals-Korpus-Übergang am 14. Bund wird es das bevorzugte Instrument Django Reinhardts.

Die Gitarren haben einen besonders spezifischen Klang. Sie sind in der Regel sehr laut, und die dünne Decke sorgt für eine schnelle Ansprache. Im Vergleich zu gewöhnlichen Stahlsaitengitarren besitzen sie wenig Sustain. Ihr metallischer, mittenreicher Sound sorgt beim Rhythmusspiel für den perkussiven Druck und beim Solospiel für die nötige Durchsetzungsfähigkeit.

Tradition & Moderne


In der Kultur vor allem der Sinti und der Manouche hat Djangos Musik den Stellenwert einer modernen Folklore. Die Musik wird traditionell durch Zuhören und Nachahmen weitergegeben und erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Ein zwölfjähriger Sinto, der schon authentischen Gyp-sy-Jazz spielt, ist keine Seltenheit. Doch auch unter Nicht-Sinti ist der Stil seit Jahren zunehmend en vogue. Immer mehr kleine Festivals sprießen aus dem Boden.

Der anhaltende Swing-Boom hat auch dem Gypsy-Jazz zu einem richtiggehenden Popularitätsschub verholfen. Mit Bands wie Caravan Palace hat er als Electro-Swing sogar die Tanzflächen der Clubs erobert. Hinzu kommt, dass es inzwischen unzählige Online-Workshops gibt. Gitarristen wie Robin Nolan und Clément Reboul posten fast täglich neue Lektionen.

Auch wenn die Szene generell einen Hang zur Traditionspflege besitzt, geht eine wachsende Anhängerschaft immer kreativer mit dem Erbe Djangos um. Junge Musiker bringen ihre ganz eigenen Persönlichkeiten und Ideen mit ein und entwickeln den Stil weiter.

Gitarristen wie Adrien Moignard, Sebastien Giniaux und Antoine Boyer spielen technisch auf höchstem Niveau und sind dennoch tief verwurzelt in der Tradition. Doch man hört ihnen an, dass sie ihre Ohren in alle Richtungen offen halten. Auf CDs wie Rainbow Duets oder Selmer 607 Vol. III bekommt man innovative akus-
tische Gitarrenmusik geboten, die ihre 
Wurzeln nie aus den Augen verliert.

Joscho Stephan ist ein weiteres gutes Beispiel für einen Virtuosen, dessen Spiel immer wieder aufs Neue überrascht. Auch der Argentinier Gonzalo Bergara zählt zu den herausragenden Figuren der Szene und überzeugt immer wieder mit den unterschiedlichsten Projekten.

Technik vs. Musik


Generell sind gerade die technischen Fähigkeiten der Musiker in diesem Bereich enorm gewachsen und nicht selten beeindruckend – jedoch nicht immer zu Gunsten der Musik. In Djangos Musik spielte Virtuosentum als bloßes Mittel zum Zweck nie eine Rolle.

Im Zentrum stand immer die Musikalität und Kreativität. Auch außerhalb der Swing- und Jazz-Szene hat Django eine große Anhängerschaft. So widmeten die Country-Barden Willie Nelson und Merle Haggard ihr gemeinsames Album Django und Jimmie ihren beiden Idolen: Django Reinhardt und Jimmie Rogers.

Als Musiker, vor allem natürlich als Gitarrist, gibt es an Django einfach kein Vorbeikommen.

Text: Jochen Hesch
Fotos: Getty Images

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