Meilenstein: Johnny Cash

Vor einem halben Jahrhundert erschien Johnny Cashs außergewöhnliche Platte, das Gefängniskonzert At Folsom Prison. Dadurch wurde der Country-Sänger zur stilübergreifenden Ikone. Der Weg dorthin begann in Oberbayern …

Wie wir euch via Facebook und Instagram bereits mitgeteilt haben, waren wir zu Besuch bei Taylor Guitars in Nashville. Zwar sind die News aus dem Hause Taylor noch nicht veröffentlichungsreif, an unserem Ausflug wollen wir euch natürlich trotzdem teilhaben lassen.

Während des Aufenthalts in Nashville, Tennesse, nutzten guitar-acoustic-Chefredakteur Stephan und Redakteur Philip die Gelegenheit und besuchten das Johnny-Cash-Museum. Und dabei durften sie neben vielen anderen Memorabilia folgendes Schätzchen besichtigen: die Martin D-28 des „Man in Black".

... und da kam uns natürlich die Erinnerung an unser großes Cash-Special aus guitar acoustic 3/2018 in den Sinn. Denn für alle, die es noch nicht wussten: Johnny Cashs berühmtes Live-Album "At Folsom Prison" feiert dieses Jahr sein 50. Jubiläum. Zeit, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen.

Knastmusik aus Kalifornien


Oktober 1951: Nach zweiwöchiger Überfahrt trifft der 19-jährige John R. Cash gemeinsam mit Tausenden anderer junger Rekruten in Bremerhaven ein. Von dort bringt ihn der Zug zu seinem Lebensmittelpunkt der kommenden drei Jahre: der Landsberg Air Base. Hier soll der junge Soldat aus Arkansas die Funksprüche der Sowjets entschlüsseln. Manch einer seiner Kameraden hält den Job physisch und psychisch nicht lange durch. Auch Cash hat anfangs große Schwierigkeiten. Er fühlt sich wie in einem Gefängnis.

Kurz nach seiner Ankunft sieht er den Film Inside the Walls of Folsom Prison über härtesten Knast Kaliforniens. Um dem Trott der Kaserne zu entfliehen, ersteht er eine Mundharmonika und spielt mit Kameraden, die wie er aus ländlichen Regionen in den Südstaaten kommen, alte Gospels und aktuelle Country-Nummern nach. Mit „Landsberg Barbarians“ ist bald ein Name für das Kollektiv gefunden. Cash inspiriert Gordon Jenkins „Crescent City Blues.“ Sein Text handelt von Einsamkeit und Verlust, symbolisiert in einem Zug, der davonfährt. Cash gefällt das so gut, dass er viel davon übernimmt.

In Erinnerung an den Spielfilm, den er kurz nach seiner Ankunft in Landsberg gesehen hat, wird aus „Crescent City“ „Folsom Prison“. Hier nimmt die irreführende Legende ihren Anfang, Cash sei selbst ein Knacki. Im Sommer 1954 endet seine Zeit bei der Air Force. Zu diesem Zeitpunkt träumt er bereits von einer Karriere als Musiker. Und er erwischt den perfekten Ort und Zeitpunkt dafür: Am 4. Juli landet Cashs Flieger in seiner neuen Heimat Memphis. Noch weiß es Cash nicht, aber er befindet sich im Epizentrum einer musikalischen Revolution. 1956 folg dann mit „I Walk the Line“ der erste Nummer-eins-Hit von Johnny Cash und den Tennessee Two.

Passend zum Image von Sun Records ist Cash ein Rebell, der auf Konventionen pfeift und seine eigenen Wege geht. Einer davon führt ihn ins Gefängnis: Nach dem Release von „Folsom Prison Blues“ erhält er Briefe von Häftlingen, die sich von seinem Song verstanden fühlen und sich freuen, dass er ihnen eine Stimme gegeben hat. Ist er vielleicht einer von ihnen? Manche bitten um einen Besuch, andere fragen an, ob Cash und seine Band für sie spielen können.

Ab Mitte der 1960er beginnt sein Stern zu sinken. Sein Medikamenten- und Alkoholmissbrauch gerät außer Kontrolle, in El Paso wird er im Oktober 1965 mit über tausend Tabletten im Gepäck verhaftet – das Foto von Cash in Handschellen geht um die Welt und kostet ihn zahlreiche seiner alten Fans. 1966 spielt er erstmals in Folsom

Im Sommer 1967 tritt Cash mit einer alten Idee an den neuen Mann heran: sein Gefängnisalbum. Der neue Mann ist Bob Johnston, der bei Columbia als Produzent von Bob Dylan und Simon & Garfunkel Erfolge feiern konnte. Zur Sicherheit spielt Cash zwei Konzerte: eines um 9 Uhr 40, das zweite um 12 Uhr 40. So will das Label sicherstellen, dass genügend gute Versionen für eine Platte zur Verfügung stehen.

Zu jeder Show sind 1.000 Gefangene zugelassen – Mörder, Vergewaltiger, Bankräuber. Und das ganz ohne Absperrung. Lediglich die Wachen mit ihren grimmigen Mienen und geladenen Gewehren könnten Cash und seine Leute im Fall eines Übergriffs schützen. Vor seinem Konzert fühlt sich Cash „so entspannt wie eine Küchenschabe in einer Ungezieferfalle.“

Im Sommer steigen Album und der als Single ausgekoppelte Titeltrack in den Hitlisten Stück für Stück nach oben. Mitte Juli erreichen sie die Spitze der Country-Charts. Und was macht das Label? Als die Verkaufszahlen in die Höhe schießen, kratzen sich die Verantwortlichen bei Columbia gleichermaßen erfreut wie verwundert am Kopf. Dann kommt ihnen eine bahnbrechende Idee: Man könnte ja ein Gefängnis-Album mit Johnny machen. Ein Jahr später erscheint At San Quentin.

Text: Chris Hauke

Fotos: Getty Images

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