Interview: Seiler und Speer

Seiler und Speer haben es geschafft. 2014 von dem Kabarettisten Christopher Seiler und dem Filmemacher Bernhard Speer als Nebenprojekt gegründet, betouren die beiden mit verstärkter Mannschaft inzwischen die großen Hallen. Wir haben Bernhard Speer und Live-Gitarrist Bernd Brodträger zum Ham-kummst-Nachfolger "und weida?" befragt.

Bis in alle Ewigkeit


Bernhard, inzwischen habt ihr viele Fans gewonnen, die einiges vom neuen Album und weida? erwarten. Hat das eure Arbeit beeinflusst?

Speer: Wir hatten ja auch Erwartungen. Wir haben uns vom zweiten Album erhofft, das etwas rauskommt, womit wir zufrieden sind. Wir haben uns aber sicher keinen Druck gemacht, irgendwas Bestimmtes abliefern zu müssen, sondern sind im Prinzip wie beim ersten Album vorgegangen.

Wie hat sich eure Liveband zusammengefunden?

Bernd Brodträger: Unser Produzent Daniel Feller, der beide Alben mit uns gemacht hat, hat das irgendwann ausgeheckt, dass man dieses Projekt auch auf die Bühne bringen sollte. Das war am Anfang gar nicht der Plan. Daniel hat dann auch die Aufgabe bekommen, die Band zusammenzustellen. Ich kannte ihn schon länger, und so ist bei mir eine Mail reingeflattert, ob ich Bock hätte, bei diesem ganz besonderen Projekt mitzumachen.

Speer: Jetzt musst du noch dazu sagen, wo deine Wurzeln liegen. Brodträger: Ja, musikalisch komme ich eigentlich aus einer anderen Ecke. Ich war vorher bei Bands wie Belphegor zum Beispiel.

Wenn ihr jetzt zu siebt auf der Bühne steht, würde man es nicht erraten, aber Seiler & Speer sind mal als reine Akustik-Truppe gestartet ...


Speer: Das stimmt, die Lieder selbst entstehen auch immer noch auf einer Akustikgitarre, mit einem Zettel und einem Stift. Der Kern ist akustisch, der Rest ist wiederum dem Herrn Fellner zu verdanken, der die ganze Produktion so aufgeblasen hat, dass der Sound irgendwann echt riesig geworden ist. Inzwischen gefällt uns das ziemlich gut. Wir könnten unsere Lieder zwar bis heute auch nur auf einer Akustikgitarre spielen, aber unsere Konzerte sind mehr als Konzerte, es sind richtige Shows mit Lichtanlage und Special-Effects. Ab und zu fängt auch mal die Bühne an zu brennen – oder die Band. [lacht]

 

 

Die Arrangements sind also bewusst auf größere Hallen zugeschnitten?

Speer: So muss das nach außen wirken. Aber dieser Sound ist in einer Phase der Band entstanden, in der wir noch nicht an Live-Auftritte gedacht haben. Dennoch habe ich diesen Gedanken jetzt beim zweiten Album gehabt, nach dem Motto: Das wird live sicher megafett klingen.

Wie genau arbeitet ihr im Studio?

Brodträger:
Bei und weida? war schon Vieles anders als beim Debüt. Auf Ham kummst ist zum Beispiel fast kein Schlagzeug drauf, das ist alles programmiert worden. Auf dem zweiten Album sind jetzt richtige Drums und Percussion zu hören und ein Haufen verschiedener Gitarren. Die Drums kamen als Erstes, ansonsten war alles eher etwas durcheinander als durchgeplant. [lacht]

Speer: Vor allem – und das ist wahrscheinlich bei jeder Band so – sind wir eben inzwischen ein mehrköpfiges Ensemble. Das musst du erst mal koordinieren, alle zu dem Zeitpunkt dahin zu bringen, wo du sie brauchst. Auch da kann man ruhig noch mal den Daniel Feller erwähnen, dessen Job ich wirklich nicht hätte machen wollen.

Letztlich habt ihr einige unterschiedliche Musikrichtungen auf dem neuen Album untergebracht. Ist das bewusst passiert?


Speer: Bewusst passiert bei uns gar nix. Zunächst gibt es eine Songidee, viel passiert im Studio. Das ist spannend zu beobachten, was aus einem Lied, bei dem nur einer Gitarre spielt und singt, alles werden kann.

Brodträger: „Mama sperr’ die Kinder weg“ ist da ein gutes Beispiel. Am Anfang gab es im Prinzip nur das Riff. Irgendwann hatten wir die Idee, daraus die Achtziger-Rocknummer zu machen. Speer: Wenn ich mich richtig erinnere, haben wir diesen Song schon auf der letzten Tour gespielt. Da war das Riff noch eine Art Anheizer, wenn zwischen den „richtigen“ Songs mal eine Pause entstanden ist. So ist daraus ein Stück entstanden. Im Studio kam das Schlagzeug dazu, was live erst gar nicht dabei war, und auf einmal ging der Song richtig arg nach vorne. So merken wir oft, an welchen Ideen wir weiterhakeln müssen.

Kann man sich das Songwriting so vorstellen, dass du mit einem geilen Akustikgitarrenriff daherkommst und den Seiler anrufst, der dann zu dichten anfängt?

Speer: Zu 70 Prozent passiert’s schon ungefähr so, aber es gibt auch andere Fälle. „Mama“ war eben so ein Song. Es gibt auch Nummern, bei denen der Seiler ankommt und sagt: „Spiel mir hier mal ein C, mach da mal das.“

Brodträger: Bei so was kommt dann bei ihm das Programm Garage Band zum Einsatz.

Speer: Ja, das stimmt, er spielt kein Instrument, hat aber ein wahnsinniges Gespür für Musik. Auf der anderen Seite gibt es dann wieder Songs, bei denen die Textidee von mir kommt.

Würdet ihr euch als Gear-Nerds bezeichnen?


Brodträger: Ich hab das Glück, in Ibanez einen hervorragenden Partner gefunden zu haben. Von ihnen habe ich sowohl meine E- als auch Akustikgitarren – einfach super. Außerdem habe ich inzwischen zwei Pedalboards auf der Bühne. Es wächst immer weiter. Digital wäre sicher alles einfacher und die Leute hinter der Bühne würden sich auch freuen, wenn wir nur mit einem Kemper auf die Bühne gingen, aber ich mag es doch lieber echt. Verstärkermäßig arbeite ich mit Orange zusammen. Momentan spiele ich den Dual Terror.

Speer: Ich war schon immer ein Martin-Fan. Das ist für mich der Ferrari unter den Akustikgitarren. Ich habe mir auch mal mühsam eine zusammengespart. Aber in der Band spiele ich live eine Lakewood. Die ist locker noch dreimal umgebaut worden. Die Pickups sind von L.R. Baggs. Diese Gitarre ist echt der Wahnsinn; allerdings ist sie etwas verstimmungsanfällig. Auf der Bühne sind oft tausend Scheinwerfer am Strahlen, es geht ständig vom Kalten ins Warme, das verlangt einer Gitarre schon was ab. Eine Zeitlang habe ich auch ein Modell von Sigma gespielt. Die Martin war dann eine riesige Steigerung, und mit der Lakewood hat es sich jetzt noch mal ein wenig gesteigert.

Brodträger: Ich habe am Anfang auch für meine Soli noch eine Akustikgitarre versendet und die einfach durch einen Tube Screamer gejagt. Wir probieren viel herum.

Ihr singt fast immer zweistimmig. Woher kommt das?

Speer: Ich bin einfach ein Fan von mehrstimmigem Gesang. Ich bin in Bands, seit ich 15 bin, und war da zumeist der Frontmann. Deswegen ist mir Gesang urwichtig. Der Seiler hat damit eigentlich weniger am Hut – er kann das einfach. Er hat eine super Stimme, die klingt für sich genommen schon ziemlich geil. Gemeinsam mit dem Daniel Fellner habe ich dann im Studio an den ganzen Harmonien gefeilt. In den letzten Refrains schreit dann eh das ganze Studio mit ins Mikro. Aber dafür nehmen wir uns schon sehr viel Zeit. Ich bin auch total begeistert von Frauenstimmen. Auf dem neuen Album singt die Freundin unseres Produzenten bei „Mon Amur“ mit. Deswegen hab ich mir auf unserer letzten Tour auch einen Chor gewünscht, den ich dann auch bekommen habe.

Woher kommen all die unterschiedlichen Einflüsse in eurer Musik?


Speer: Wo das genau herrührt, weiß ich nicht. Es sind eher andere Sachen, wenn der Seiler zum Beispiel in den Proberaum kommt und mir einen Rhythmus vorsummt, den er sich vorstellt. Meistens weiß ich dann schon, wohin er damit will. „All Inclusive“ ist zum Beispiel immer nur die „Balkan-Nummer“ gewesen, weil die Idee dahinter war, einen Song mit diesen Balkan-artigen Sounds zu schreiben.

 

Hier könnt ihr euch den Opening-Song "I was made" des Albums "Und weida?" anhören:

Ein wirkliches Vorbild habt ihr also nicht ...

Speer: Das Einzige, was mir jetzt einfallen würde, wäre Pink Floyd. Von der Band bin ich einfach ein riesiger Fan. Ansonsten fällt mir da nix ein.

Brodträger: Meine Vorbilder sind inzwischen Gitarristen, die es schaffen, sehr viele Sounds und Stile abzudecken. Weil du bei unserem Set auch nicht mit nur einem Sound durchspielen kannst.

Speer: Ich mache es mir da recht einfach. Ich hab' halt meine Gitarre auf der Bühne, die nehmen sie mir nach anderthalb Stunden wieder weg, und im Idealfall muss ich sie dazwischen nicht mal wechseln. Früher hab ich auch E-Gitarre gespielt, aber es reduziert sich immer mehr auf das, was ich wirklich machen will. Dadurch dass ich mit dem Seiler zusammen die Show abliefern und mich viel auf den Gesang konzentrieren will, bin ich mit meiner einen Akustikgitarre schon ganz glücklich. Auch darüber, dass ich jetzt Leute mit mir auf der Bühne stehen habe, die mir den Background dafür geben, mich auch mal ein bisschen gehen lassen zu können.

Fühlt ihr euch insgesamt auf der akustischen Gitarre wohler als elektrisch?

Brodträger: Für mich ist diese Band das erste Mal, dass ich mich intensiv mit der Akustikgitarre beschäftige. Das ist schon eine Herausforderung. Gerade live ist es wichtig, dass alles anständig klingt, und mit einer Akustischen hast du keine Zerre oder so, die dich auffangen könnte, wenn du einen Fehler machst. Das finde ich aber sehr interessant, gerade bei Soli, bei denen ich anfangs noch überhaupt keine Rücksicht darauf genommen habe, dass ich hier eine Akustikgitarre in der Hand hatte. Wohler fühle ich mich aber doch auf der E-Gitarre.

Wie ist der weitere Plan für Seiler & Speer? Ist es irgendwann vorbei, oder werdet ihr dabei bleiben?

Speer:
Wenn wir so weit in die Zukunft planen würden, wären wir heute nicht, wo wir jetzt sind. Wir sind recht planlose Typen, aber wir wissen, was wir wollen. Was in einem Jahr ist, wissen wir alle nicht. Ich wünsche mir natürlich ein neues Album und dass das jetzt alles ewig so bleibt. Aber das kann man nie wissen ….

Text: Alexander Pozniak

Fotos:Thomas Unterberger, Jörg Varga, Manfred Schmid/Redferns

Kabarettist Christopher Seiler (links) und Filmemacher Bernhard Speer – auch musikalisch ein Dream-Team.

Kabarettist Christopher Seiler (links) und Filmemacher Bernhard Speer – auch musikalisch ein Dream-Team.