Story: Riopalisander aus dem Schwarzwald?

Es ist ein ehrgeiziges und ambitioniertes Projekt: Mit Hilfe von Wärme soll einheimisches Holz so verändert werden, dass es die Eigenschaften von Rio-Palisander erhält. Aber es geht – zumindest sind die beteiligen Wissenschaftler und Gitarrenbauer davon überzeugt. Guitar Acoustic hat sich das innovative Forschungsprojekt der Hochschule Eberswalde und des Gitarrenvertriebs Best Acoustics/Reinhardt genauer angesehen.

Lothar Clauder sitzt an seinem Computer und klopft mit einem kleinen Hämmerchen auf eine senkrecht aufgehängte Holzplatte. Es macht „dong“ – ein schöner, klarer Klang. „Dieses Signal wird hier abgenommen“, erklärt er und deutet auf ein Kabel am unteren Ende der Probe. 

„Daraus werden die physikalischen Eigenschaften der Probe errechnet und die akustischen Eigenschaften abgeleitet.“ Der Computer steht im ersten Stock eines Gebäudes der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde und gehört zur Arbeitsgruppe „Chemie und Physik des Holzes“ unter der Leitung von Prof. Dr.-Ing. Alexander Pfriem, Spezialist für die Verwendung von thermomodifiziertem Holz bei Musikinstrumenten.

Kleiner Sprung in das Hier und Jetzt: Seit Anfang 2017 dürfen sämtliche Palisanderarten nur noch kontrolliert gehandelt werden; sie sind auf der CITES-Liste der geschützten Arten im Anhang II gelandet. (Rio-Palisander steht bereits seit 1992 im Anhang I, ist also noch strenger geschützt.) Die Gitarrenwelt ist in Aufruhr ob dieser unerwarteten Fakten. Container voller Instrumente stehen in chinesischen Häfen und können mangels Papieren nicht verschifft werden – die Behörden kommen schlicht nicht hinterher. Ein langfristiger Ausweg könnte die Verwendung von Alternativhölzern sein. Es ist jedoch nicht leicht, solche Hölzer zu finden, denn zum einen spiegeln sich die akustischen Eigenschaften einer Holzart im Klang der Gitarre wider, zum anderen hat man sich an die dunkle Optik der Tropenhölzer gewöhnt.

Gunther Reinhardt von der Tübinger Firma Best Acoustics ist ein weitsichtiger Überzeugungstäter. Er beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit Nachhaltigkeit im Gitarrenbau, und dementsprechend offen ist er für neue Wege. Dass man Holz thermisch verändern kann, ist bekannt – diese Technik wird seit Jahren beim aging von Fichtendecken verwendet –, aber dass man die Eigenschaften vieler Hölzer „feintunen“ kann, diese Erkenntnis ist relativ neu. Gunther Reinhardt hörte von den Forschungen von Alexander Pfriem – und nahm sofort Kontakt auf. „Deckenholz wird schon länger thermisch verändert, aber mit Boden und Zargen gibt es bisher noch Schwiergkeiten“, erläutert er den Ansatz. „Wenn man die Materialeigenschaften gezielt verändern kann, sollte man Tropenhölzer vollwertig ersetzen können. Wir wollten nichts weniger als schwäbisches Rio-Palisander erschaffen.“

Diese Idee überzeugt offenbar auch das Bundeswirtschaftsministerium, und so wurden die nun eingeleiteten Forschungsarbeiten im Rahmen eines ZIM-Projekts (Zentrales Innovationsprogramm Mittelstand) gefördert. Mitte 2013 erfolgte der erste Kontakt zwischen Gunther Reinhardt und dem Mitarbeiter von Professor Pfriem, Lothar Clauder; 2014 startete das Forschungsprojekt offiziell, und 2017 wurden die vielversprechenden Ergebnisse auf der Musikmesse Frankfurt vorgestellt. Kurz zusammen-gefasst, lautet es: „Durch eine Thermo-Optimierung kann einheimisches Holz so verändert werden, dass es in seinen akustischen Eigenschaften sehr nah an jene von Tropenhölzern herankommt.“

Um die Eigenschaften von Rio-Palisander und anderen Hölzern kopieren zu können, muss man erst einmal wissen, wie diese Eigenschaften überhaupt aussehen: Was macht technisch gesehen den Klang von Rio aus? Dazu wurden Probestücke der Holzes genau vermessen und die akustisch-physikalischen Eigenschaften erfasst. Parallel dazu wurden über zwanzig weitere, auch einheimische Holzarten untersucht. Diese Hölzer wurden zusammen mit Reinhardt ausgewählt, wobei als Kriterien nicht nur die erhofften Resultate eine Rolle spielten, sondern auch die Verfügbarkeit.

Wenn sich die akustische Eignung bestätigt, steht dem Siegeszug dieser Hölzer also nichts im Weg. Ein paar Forschungsgebiete bleiben hingegen noch übrig: Wie kann man den Prozess weiter verfeinern? Wie erreicht man eine leichtere Biegefähigkeit der Zargen? Welchen Einfluss haben die Schwingungen, denen eine Gitarre im Laufe ihres Lebens ausgesetzt ist? „Uns wird die Arbeit sicher nicht ausgehen“, bestätigt Alexander Pfriem.

Text: Jürgen Richter

Fotos: Jürgen Richter, Stephan Hildebrand

 

Die ausführliche Reportage findet ihr in der guitar acoustic 5/2017 - jetzt am Kiosk oder online bestellen unter www.ppvmedien.de

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