Special: Jack Whites akustischer Werdegang

Jack ist gerne ein vielbeschäftigter Mann. Als wäre der Stress mit eigenem Label samt angeschlossenem Plattenladen und Vinylfabrikation nicht schon genug, schloss er sich nach der Auflösung der White Stripes 2007 als Drummer The Dead Weather an und ist seither gleichzeitig fleißig als Solokünstler unterwegs.

Nirgendwo wird Whites Ursprung als akustischer Songwriter deutlicher als auf seinen Soloplatten. Die B-Seite der ersten Single zum Solodebüt Blunderbuss, „Machine Gun Silouette“, oder der Titeltrack selbst werden bestimmt von Jacks lebhaftem Web-muster aus Piano und Gitarre. Dazu kommen akustische Instrument wie die Violine oder der Kontrabass, die einer traditionellen Instrumentierung den Vorzug vor der verzerrten Aggressivität der White-Stripes-Anfänge geben. Das Album selbst entstand aus der an sich unglücklichen Fügung, dass Hip-Hop-Künstler RZA nicht zu einer Aufnahmesession mit White als Produzent erschien und dieser sich daraufhin entschloss, mit den anwesenden Musikern an eigenem Material zu arbeiten. Diese Musiker erhielten so später den Job in Jacks Backing-Bands The Peacocks und The Buzzards.

Die Acoustic Recordings 1998 – 2016 sind eine Zeitreise durch Whites musikalisches Schaffen…

Der 1975 in Detroit geborene jüngste Bruder von neun Geschwistern wächst in einem musikalischen Haushalt auf. Ob Country, Swing oder Rock’n’Roll – die Großfamilie versorgt den jungen Jack mit einem mannigfaltigen Genre-Hintergrund. Die zweite treibende Kraft im frühen Leben des geborenen John Anthony Gillis ist die Religion. So sehr sogar, dass er in Kindertagen eine Karriere als Pastor anstrebt. Doch dann entdeckt er ein altes Drumset auf dem Speicher des Elternhauses, und seine Musikbegeisterung ist nicht mehr zu bremsen.

Statt das Priesterseminar in Wisconsin anzutreten, wie es zunächst sein Plan war, entschließt er sich, weiter auf eine öffentliche Schule zu gehen. „Ich hatte gerade einen neuen Amp bekommen und war mir recht sicher, dass ich den nicht hätte mitnehmen dürfen“, erklärt er seine Entscheidung später. Trotz seiner enormen Begeisterung für den ursprünglichen, akustischen Blues, wie ihn Kerle wie Son House oder Blind Willie McTell spielten, sind die Weichen in eine elektrische Musikkarriere damit gestellt.

Die Polsterer

Mit 15 Jahren geht es für Jack in die Lehre, als Möbelpolsterer bei der Firma des Familienfreunds Brian Muldoon. Dieser soll zu Whites erstem Bandkollegen werden. „Er spielte Schlagzeug, also habe ich logischerweise die Gitarre übernommen“, fasst Jack seinen pragmatischen Ansatz später zusammen. Unter dem Banner The Upholsterers („Die Polsterer“) nahmen sie das Album Makers of High Grade Suites auf, das die gleiche punkig-improvisierte Garagenband-Atmosphäre versprüht, die später auch die White Stripes auszeichnen wird.

Kein Wunder, dass Jacks Werkschau Acoustic Recordings den Zeitrahmen erst ab 1998 zu spannen beginnt, jenem Jahr, in dem die ersten beiden White-Stripes- Singles auf dem Independent-Label Italy Records erscheinen.

Jack lernt die Barkeeperin und zukünftige Stripes-Drummerin Meg White während seiner Zeit in der Detroiter Clubszene kennen. Das Paar heiratet 1996. Zu dieser Gelegenheit nimmt Jack auch den Nach-namen seiner Frau an. Als die White Stripes sich lokal einen immer größeren Namen machen, steigt White bei seiner anderen Band Goober & the Peas als Schlagzeuger aus und konzentriert seine ganze Energie auf das Garage-Rock-Duo. Das selbstbetitelte Debütalbum erscheint 1999.

Erst das 2001 erscheinende dritte Album White Blood Cells bringt den kommerziellen Durchbruch. Obwohl darauf die E-Gitarre nach wie vor das vorherrschende Instrument an Jacks Seite ist, lassen Songs wie „The Same Boy You’ve Always Known“, „We’re Going to Be Friends“ oder „Now Mary“ ihren akustischen Ursprung klar erahnen. Nur auf „Hotel Yorba“, das auch auf der Acoustic-Compilation zu finden ist, schwingt Jack tatsächlich die Akustische.

Mit gesteigerter Popularität machen sich die White Stripes ans Touren und schließlich an die Arbeiten zum Nachfolgeralbum Elephant, das 2003 erscheint. Es enthält nicht nur die Überhymne „Seven Nation Army“, die dem blassen Gitarristen auf ewig in die Fußballstadien dieser Welt verhilft, sondern auch einen wachsenden Kader an Akustiknummern. Sie bilden einen versöhnlichen Kontrast zum sonst oft chaotischen Garage-Rock-Sound der Band und geben Jack die Möglichkeit, seine volle Bandbreite als Songwriter darzustellen. Songs wie „In the Cold, Cold Night“ oder „You’ve Got Her in Your Pocket“ schöpfen tief aus der amerikanischen Folk-Tradition.

Spätestens seit die Musikdokumentation It Might Get Loud von 2009 Jack White auf eine Stufe mit Jimmy Page und The Edge von U2 gestellt hat, ist die enorme Bedeutung, die er als Musiker in der Öffentlichkeit genießt, nicht mehr zu leugnen. In den ersten Szenen sieht man Jack aus einem Stück Holz, einer Flasche und einer Gitarrensaite eine funktionstüchtige „Einsaitergitarre“ bauen – Sinnbild für alles, was ihn als Künstler ausmacht: Kreativität, Improvisationstalent und Risikobereitschaft.


Text: Alexander Pozniak

Fotos: Getty Images


Wie oft er sie auf dem neuen Album "Boarding House Reach" eingesetzt hat, wird sich zeigen. Hier könnt ihr schonmal reinhören:

Zurück zum ursprünglichen Sound

Zurück zum ursprünglichen Sound

Sein jüngstes Werk "Acoustic Recordings 1998 – 2016", illustriert Jack Whites Werdegang als Songwriter. Man darf gespannt sein, welche akustischen Wurzeln sich auf seinem neuen Album "Boarding House Reach" hörbach sein werden...