Rebell und Rampensau - ein Nachruf zum Tod von Gunter Gabriel

Gunter Gabriel hat trotz vieler Brüche viel mehr aus seinem Potential gemacht als so manch anderer. Einen Tag vor seinem 75. Geburtstag stürzte er schwer eine Treppe hinunter und verstarb elf Tage später. Unser Nachruf zeigt euch die Höhen und Tiefen des deutschen Schlager- und Country-Stars.

Als Typ und Texter, als Songwriter und Rampensau, als Outlaw und Rebell war er eine einmalige Figur der deutschsprachigen Musiklandschaft. Wenn viele andere längst vergessen sein werden, wird die Erinnerung an ihn lebendig bleiben. Obwohl er oft unter dem Stempel „Schlager“ wegsortiert wurde, besaß er alles, was dem deutschen Schlager in all seiner musikalischen und inhaltlichen Seichtheit noch stets gefehlt hat: Herz, Hirn, Mumm und Seele. Ohne den lebenslangen Country-Fan, ohne die kämpferische „Stimme des kleinen Mannes“, wie der gelernte Schlosser in den Siebzigern genannt wurde, wären wir um etliche Songs wie „Hey Boss, ich brauch mehr Geld“ ärmer, die dank ihrer gewitzten, direkten Art weit mehr bewegt haben, als es billig produziertes Tralala der Kategorie „Atemlos“ oder „Ein bisschen Frieden“ je könnte.

Die Härte, die in Gabriels Leben von Beginn an eine dominierende Rolle spielt, prägt den unter der rauhen Schale sensiblen Menschen schon in jungen Jahren. Er wächst als Günther Caspelherr im westfälischen Bünde auf. Als seine Mutter an den Folgen einer unsauberen Abtreibung stirbt, ist er gerade mal vier Jahre alt. Sein alleinerziehender Vater ist mit seiner Aufgabe mehr als überfordert. Er schlägt seinen Sohn regelmäßig und brutal. Mit elf Jahren kommt Günther nach einem schweren Verkehrsunfall gerade so mit dem Leben davon. So etwas wie Normalität gibt es in Günthers Leben fortan nicht mehr. 

Seine Stiefmutter schenkt ihm schließlich seine erste Gitarre. Ein Lichtblick in Günthers Leben. Er lernt, die sechs Saiten zu bedienen – nicht außergewöhnlich gut, aber gut genug, um darauf mit Attitüde schnell zu überzeugen. Er bricht in der Folge die Volkshochschule ab, macht eine Schlosserlehre, spielt – auch am Arbeitsplatz – in jeder freien Minute Gitarre.

Elvis Presley und Johnny Cash haben den jungen Günther in ihren Bann gezogen. Als er nach diversen DJ-Jobs ein Angebot als Plattenfirmen-Promoter ergattert, schlägt er sich zum ersten Mal in seinem Leben richtig gut. Er hat einen Draht zu Künstlern, die sich in irgendwelchen Löchern ihren Lebens- unterhalt verdienen müssen, weil er selbst einer von ihnen ist. Im Country findet er derweil das, was er als sensibler Typ dringend gesucht hat: simple, geradlinige Strukturen und ein Männlichkeitsideal der Marke „Einsamer Wolf“.

Jahre später kommentiert er der Berliner Zeitung gegenüber seine früh entflammte Liebe zur Country-Musik in gewohnt lakonischer Manier mit: „… weil ich nicht mehr drauf hatte. Country ist ja Volksmusik. Gerade und einfach, drei Akkorde – simpler geht’s nicht. Aber das ist auch der Reiz des Genres. Da muss man dann entweder ein super Instrumentalist sein oder geile Geschichten erzählen.“

Günther nennt sich nach der Heirat mit seiner ersten Frau Gabriele Gunter Gabriel. Seine ersten Hits sind simpel gestrickt, treffen aber mitten ins Schwarze – mitunter auch den wunden Punkt seiner eigenen Jugend. Deswegen wundert es nicht, dass „Ich werd’ gesucht“ stark nach Cashs „Wanted Man“ klingt und Zeilen wie „Papa trinkt Bier, Mama hat’s schwer, der Schornstein raucht nicht mehr“ bei vielen Fans Anklang finden und zugleich autobiografisch erschreckend authentisch sind. Die Siebziger sind für Gabriel beruflich eine gute Zeit. Er schreibt erfolgreiche Songs, darunter „Komm unter meine Decke“ oder „Ohne Moos nix los“. Auch als Songwriter für andere ist er erfolgreich. Rex Gildo nimmt seine Dienste ebenso in Anspruch wie Peter Alexander, Wencke Myhre, Karl Dall, Dieter Hallervorden oder Juliane Werding, für die er den Klassiker „Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst“ verfasst.

Doch Erfolge und Abstürze gehen bald Hand in Hand. Insgesamt vier gescheiterte Ehen sind es am Ende. Und so sucht er besonders in seiner Berliner Zeit am Tresen der „Paris Bar“ und im Studio nach neuer Inspiration für künftige Hits. Was er findet, ist leider oft nur der Boden einer Whiskyflasche.

Doch Gabriel berappelt sich wieder. Und es scheint ein Hoffnungsschimmer am Horizont. 1993 erhält er zusammen mit Tom Astor die Auszeichnung der German American Country Music Federation (GACMF) für den Song „Sturm und Drang“. 2002 bekommt er ebenfalls einen Award der GACMF für sein Album Gunterwegs. 2003 ergibt sich für ihn die einmalige Chance, ein Album mit deutschen Versionen seines großen Vorbilds Johnny Cash in Nashville unter der Schirmherrschaft von Cashs Sohn John Carter aufzunehmen. Doch der erhoffte kommerzielle Erfolg bleibt aus.

 2004 holen ihn erneut Alkoholprobleme ein. Es kommt schließlich zum Eklat, als er in Eisleben sein Publikum, das auf seinen verspäteten Auftritt mit Unmut reagiert, von der Bühne herunter als Arbeitslose beschimpft: „Ihr habt ja so viel Zeit, sonst wärt ihr ja nicht am Nachmittag schon hier …“ Aber es geht auch wieder aufwärts. Es folgen Theaterrollen (in Hello I’m Johnny Cash), ein Album mit den Ärzten sowie Fernsehauftritte (Großstadtrevier). Als er anlässlich seines 70. Geburtstages 2012 in der Sonntagsausgabe der FAZ gefragt wird, ob er Angst vor dem Tod habe, antwortet Gabriel in gewohnter Manier: „Keinesfalls. Ich sag dir, warum: weil ich einen Haufen Zeugs gut gemacht habe in meinem Leben. Nicht Kinder zeugen. Das kann jeder. Und als Vater war ich schließlich ein Totalversager. Viermal verheiratet, da hab’ ich mich nicht mit Ruhm bekleckert. Aber ich hab’ ein paar geile Songs geschrieben.“ 

Text: Marcel Thenée/Matthias Breusch

Fotos: Warner

Hier könnt ihr Gunter mit seinem Hit "Hey Boss, ich brauch mehr Geld" live bestaunen: