Interview Martin Harley – Songwriting mit Bier

Martin Harley ist verliebt in seine Gitarren. Die Lieblingsgefährtin des Briten ist eine Weissenborn aus der Werkstatt des deutschen Gitarrenbauers Andreas Cuntz. Schnörkellose Riffs und unverfälschte Texte sind stilprägend für Harleys Roots & Blues. Wir trafen ihn kurz vor seinem Auftritt beim Cuntzschen Gitarrenzauber-Festival, das 2007 ihm zu Ehren ins Leben gerufen worden ist …

Martin, dein neues Album Static in the Wires unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht maßgeblich von den vorherigen. Gibt es dennoch etwas Besonderes, das du dir bei diesem Album vorgenommen hast?

Es ist geprägt von dem Gedanken, nicht zu viel zu spielen. Ich musste mein Ego dafür zähmen. Dadurch bleibt aber der Song am Leben. Diese Beherrschung dient letztlich dem Song, denn das Gitarren- oder Basssolo sollte nicht im Vordergrund stehen. Für mich ist es das Album, das sich bisher einfach komplett anhört. Ich hatte viele tolle Musiker aus Nashville an Bord, zum Beispiel Jerry Douglas oder Derrick Nickson, der gerade in Chris Stapletons Band spielt.

Wie lief die Produktion im Studio ab?

Wir haben uns nicht zu viel Zeit genommen, sondern jeden Song einmal geprobt und dann direkt eingespielt. Bei vorherigen Alben haben wir zwei Wochen im Studio verbracht und zuvor ein halbes Jahr geprobt. Das war bei Static in the Wires sehr viel simpler. Eine schöne Erfahrung!

Der Song „Dancing on the Rocks“ beginnt mit einem flotten Gitarrenspiel. Darauf folgt ein sehr langsamer Refrain. Das macht den Song unglaublich dynamisch. Er unterscheidet sich damit deutlich von den anderen Liedern des Albums ...

Ich schreibe oft langsame Song-Parts, um sie dann mit anderen, schnelleren Teilen zusammenzustecken. Der Song entstand, als wir gerade am Proben waren. Daniel [Kimbro, Bass] und ich waren irgendwo im Nirgendwo auf Tour in British Columbia. Dann hatten wir zwei freie Tage und wussten, dass wir bald ein Album rausbringen wollen. Also haben wir Bier getrunken und gegrillt ... und diesen Song zusammen geschrieben. Das Songwriting ist in solchen Situationen herrlich natürlich und nicht gezwungen.

Auf deinem Album geht es hier und da auch romantisch zu. Ein Beispiel dafür ist „Postcard from Hamburg“. Was war da los zwischen dir und Hamburg?

Es ist entstand aus einer Idee, die ich hatte, als ich mitten in der Nacht durch das Rotlichtviertel von Hamburg schlenderte. Mein Hotel war dort, und ich beobachtete das seltsame, aber wundervolle Nachtleben. Dabei hab ich mich einsam gefühlt. Manchmal bringt mich ein bestimmter Ort zu einer bestimmten Zeit in eine gewisse Stimmung. Dadurch hab’ ich einen Charakterzug an mir selbst entdeckt und den Song geschrieben.

Also doch nicht allzu romantisch …

Nun ja, das kommt darauf an, wie man es betrachtet. Es geht im Song nicht um die Liebe zu einer bestimmten Person. Die Postkarte beginnt mit „Dear Nobody“.

Wie bist du mit Andreas Cuntz in Kontakt gekommen?

Ich war auf der Frankfurter Musikmesse und habe dort seine Gitarren gesehen. Das ist jetzt ungefähr 13 Jahre hier. Wir plauderten ein bisschen, und ich spielte eine Weissenborn, die er ausgestellt hatte. Zu dieser Zeit habe ich viele reguläre Gitarrenmodelle gespielt; Weissenborns waren noch nicht so sehr in Mode, wie das heutzutage der Fall ist. Ich wollte diese Gitarre haben, habe sie gekauft – und werde sie nie mehr hergeben. Ich hab’ inzwischen auch eine Standard-Cuntz und eine elektrische Weissenborn. Letztere ist perfekt fürs Studio, dank Fünf-wegregler kann ich zwischen Humbucker und Singlecoils wählen. Am meisten spiele ich aber die akustische Weissenborn. Sie ist meine stete Begleiterin. Zumindest das ist romantisch: Die meisten meiner Liebesaffären habe ich mit Gitarren. [lacht]

Perfektionist mit Seele


Andreas, hauptsächlich baust du akustische Gitarren – wie kam es zum Bau der Weissenborn für Martin Harley?

1999 hatte ich einen regionalen Kunden, der bei mir ein Jahr lang regelmäßig auf der Matte stand und mich regelrecht bedrängte, eine Weissenborn für ihn zu bauen. Ich studierte die alten Bauformen und vor allem das Innenleben der alten, noch erhaltenen Weissenborns. Seither habe ich ab und zu Weissenborns gebaut. Bei mir heißen sie „Bodyneck“, aus Respekt zu John Pearse, der den Begriff geschützt hat. Ein Highlight war, dass David Lindley Anfang der 2000er eine Weissenborn von mir in Händen hatte und voll des Lobes war. Zu meiner ersten Teilnahme an der Musikmesse in Frankfurt hatte ich eine Version aus geflammten Koa am Stand – Martin Harley kam vorbei und gab sie nicht mehr aus der Hand.

Was zeichnet dieses spezielle Instrument für dich aus?

Die originalen Weissenborns haben das besagte statische Problem. Dieses wurde durch eine leicht veränderte Beleistung gelöst. Daneben baue ich mit 
penibler Sorgfalt und besonderem 
Augenmerk auf tadelloser Verarbeitung und offenem, vollem Ton. Den Rest macht die Holzauswahl. Ich liebe schön gemasertes Koa aus Hawaii.

Was zeichnet Martins Musik und sein Spiel aus?

Ich kenne außer David Lindley niemanden, der dieses Instrument so exakt intoniert spielt und das ganze Tonspektrum nutzt. Martins Spiel verbindet Perfektionismus, ohne den Groove zu verlieren, mit wunderbarer Musikalität. Er war der Grund, die Konzertreihe Gitarrenzauber 2007 in meiner damaligen Heimatgemeinde ins Leben zu rufen. Seitdem ist Martin jährlich dabei. In all den Jahren habe ich live nicht einen       unsauberen Ton von ihm gehört – und seine Konzerte sind nicht gerade kurz! Komplettiert wird seine Musik durch seine einzigartige Stimme – die geht direkt in die Seele. 

Text: Natalie Meyer 
Bild: Natalie Meyer, Cuntz Guitars

Martin Harley
Static in the Wires

www.martinharley.com

www.cuntz-guitars.de


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