Interview: Kacey Musgraves - Süßholz im Joint

Egal, ob in ihrer US-amerikanischen Heimat oder auf der Insel: Kacey Musgraves ist an beiden Ufern des Atlantiks ein Superstar. Wir trafen die Singer-Songwriterin zu einem exklusiven Interview vor ihrem Headliner-Gig während des jüngsten Country-to-Country-Festivals in der Londoner O2 Arena …

Kacey, deine Konzerte sind eine Mischung aus Vintage-Hollywood-Chic und Neon-Country.

Oh! Diese Beschreibung gefällt mir sehr! In Sachen Optik ist es bei mir genau wie bei meiner Musik: Da gibt es immer mehrere Zutaten. Mit der neuen Show bewege ich mich jedoch etwas weg vom extra kitschig und überzeichneten Rhinestone-Cowgirl-Look, der auf und um Pageant Material herum dominiert hat. Klar wird dieser Aspekt in der einen oder anderen Form immer ein Teil von mir bleiben, denn ich bin ja schließlich mit solchen Outfits aufgewachsen. Man wird aber auch älter, und wenn du viele verschiedene Dinge magst, gewinnt ab und an etwas Neues die Oberhand. 


Einer deiner wegweisenden und wichtigsten Auftritte war die „Follow Your Arrow“-Performance bei den CMA Awards 2013. Dort wurdest du sogar wegen einer gewissen Textzeile ausgepiepst ...

Auf jeden Fall! [lacht] Sie haben fürs Fernsehen das Wort joint zensiert, was ich im Nachhinein immer noch komisch finde. Wir konnten damals nichts dagegen unternehmen. Erst der Piep zog enorme Aufmerksamkeit auf die Lyrics. Ich muss immer noch grinsen, wenn ich daran denke! Die Verantwortlichen versuchten den Begriff krampfhaft zu verstecken und machten somit ordentlich Werbung für das Lied. 

Der Schuss ging also ordentlich nach hinten los, und bei den CMA Awards 2014 gewann „Follow Your Arrow“ die Auszeichnung für den „Song of the Year“ – total verrückt! Der Track war zuvor übrigens eine echt harte Nuss, als wir versuchten, ihn bei den Country-Radio- und -TV-Sendern unterzubringen, da dort oft recht spießige Typen die Entscheidungen treffen. 

Für mich ist es nach wie vor cool, dass dieses vertonte „schwarze Schaf“ neben seinem Erfolg auch viele Leute für Country begeistert hat, die zuvor mit dem Genre nichts am Hut hatten. „Follow Your Arrow“ hat die Sichtweise der breiten Öffentlichkeit in Sachen Country-Music doch stark beeinflusst und einen progressiven Touch in unsere Szene gebracht.


Wir müssen über deine extrem coole 1957er Gibson J-45 sprechen. Wann und wo habt ihr zueinander gefunden?

Sie heißt Janis, und ich fand sie in einem Gitarrenladen in Nashville. Als ich den Laden betrat, war ich auf der Suche nach einer tollen Flattop, die mein Lieblingsmädchen werden sollte. In diesem Vintage-Shop hatten sie eine ganze Menge wundervoller J-45s. Ich spielte sie alle, und manche waren in einem viel besseren Zustand als Janis, fühlten sich für mich aber nicht gut an. 

Als ich sie in die Hand nahm, sprach sie förmlich zu mir, und ich wusste, dass wir füreinander bestimmt waren. Seitdem sind wir ein unzertrennliches Team. Janis besitzt ein cooles Mojo. Sie klingt gut, ist einfach zu spielen, und irgendjemand hat auf das Holz unter das Schallloch den Namen Ted Keaton geschrieben. Sie hatte wohl schon ein richtiges Musikerleben, bevor sie zu mir kam, und das macht Janis so besonders. 

Für dein aktuelles Album Golden Hour hast du gemeinsam Stücke mit einigen von Nashvilles Top-Songwritern wie Nathalie Hemby, Luke Laird oder Shane McAnally komponiert, die schon in deine letzten beiden Studioscheiben beziehungsweise 2016 in A Very Kacey Christmas involviert waren. 

Ich mag es einfach, wenn du dich mit Leuten zusammensetzen kannst, die du schätzt und kennst und von denen du weißt, dass du dich mit ihnen überhaupt nicht anstrengen musst, um einen guten Song zu schreiben. Gute Lieder entstehen nämlich nicht am Reißbrett, sondern passieren einfach so. 

Diese Konstante wollte ich mir schlichtweg bewahren, obwohl Golden Hour nicht von von Luke und Shane – wie meine anderen Scheiben – co-produziert worden ist. Mit diesem Grüppchen verfasse ich schlichtweg die besten Tracks. Dieses Mal sind wir genretechnisch auch in ein paar neue Richtungen abgebogen.


Ist dir deine Co-Produzentenrolle wichtig, um die kreative Kontrolle zu behalten?

Auf jeden Fall. Für mich als Künstlerin wäre es ein Unding, das komplett in anderer Leute Hände zu legen. Da passe ich bei allen Projekten, in die ich involviert bin, akribisch auf. Es macht mir natürlich auch super viel Spaß, mir diese und jene Dinge auszudenken. 

Stell’ dir mal vor, du machst nur das, trägst Klamotten oder singst Stücke, die dir jemand aufs Auge gedrückt hat. So was kann sich doch nie und nimmer originell anfühlen. Beispielsweise Songthemen und die daraus entstehenden Texte, das Bühnendesign und all die anderen Faktoren, die mich als Act definieren, müssen einfach von mir stammen. 

Ich bin aber selbstverständlich offen für Ideen von außen und mische diese mit meinen eigenen Einfällen. Jeder Künstler hat schon mal einen Tunnelblick, und so gehe ich diesem Fettnäpfchen geschickt aus dem Weg. [schmunzelt] Es ist doch so, dass du am Ende immer selbst am besten weißt, was gut für dich ist.


Deine Songs besitzen fast durch die Bank die symbiotische Beziehung aus süßen Melodien und rebellischen, traurigen oder melancholischen Texten. Wann hattest du eigentlich die Idee für das „Kacey-Konzept“?

Ich genieße es, wenn zwei Welten, die augenscheinlich so gar nicht zusammenpassen, irgendwo in der Mitte verschmelzen. Das kann so was sein wie „Vintage trifft auf modern“ oder „Fröhlich prallt auf traurig“. Diese Gegensätze inspirieren mich. Das wurde mir das erste Mal so richtig bei „Merry Go ’Round“ bewusst. Das komplette Lied besitzt diesen „Happiness-Faktor“.

Hörst du dir jedoch dazu den Text genauer an, merkst du schnell, dass hier rein gar nichts eitel Sonnenschein ist. Diese beinahe stoische Zweideutigkeit zieht sich durch meine gesamte bisherige Diskographie, und selbstverständlich ist Golden Hour ebenfalls mit solchen Momenten gespickt. 

Inzwischen geschieht das schon wie von selbst, wenn ich einen Song komponiere. Einer der neuen Tracks, in dem ich die Quintessenz von all dem aufarbeite, heißt „Happy & Sad“. Im Text geht es darum, dass man manchmal einen tollen Augenblick überhaupt nicht genießen kann, da aus dem Hinterkopf immer wieder der Gedanke hervorschießt, dass irgendwie alles vorbei ist – und ich erwische mich oft selbst dabei, wie mir genau das passiert! 


Aber das ist doch der Idealfall, wenn du nicht über fiktive Themen schreiben musst.

Der größte Teil meiner Songs basiert auf persönlichen Erfahrungen. Ab und an schnappe ich natürlich auch eine interessante Story aus meinem Umfeld auf, die dann niedergeschrieben wird. Generell verfasse ich Texte aber lieber aus meiner Perspektive. 


Welche Geschichten aus Golden Hour fallen dir spontan ein?

Eine offensichtliche Neuerung auf diesem Album ist, dass ich jemanden getroffen habe, der inzwischen mein Ehemann ist und meinen Blick auf die Welt verändert hat. Oft besitzen Songwriter große Angst davor, glücklich zu sein und damit einhergehend ihre Gabe für packende Melodien und Storys zu verlieren. Dieser Gedanke geisterte auch bei mir für eine kurze Zeit im Kopf herum. Schließlich kam ich aber zu dem Entschluss, dass ich über alles schreiben kann, was mir im Alltag passiert – egal, ob gut oder schlecht. 

Als ich meinen jetzigen Mann traf, sprudelten neue Lieder nur so aus mir heraus. Das geschah alles, als ich gerade von einer Tour zurückgekommen war und mir selbst anderthalb Jahre Auszeit vom Musikbiz verordnet habe. In dieser Industrie wird man sehr oft viel zu schnell vom einen zum nächsten Projekt getrieben, und darauf hatte ich schlichtweg keine Lust. 

Verrückterweise liefen wir uns genau zu diesem Zeitpunkt in die Arme, und rückwärts betrachtet beeinflusste dieses Ereignis das komplette Album. Er gab mir sofort eine weitere Sichtweise aufs Leben und inspirierte mich dazu, neue Themen anzuschneiden. „Mother“ auf Golden Hour dreht sich um meine Mama und mich, wie sie in Texas und ich in Tennessee sitzen und uns gegenseitig vermissen – oder sie ihre Mutter.

Stücke wie diese sind der Ausgleich zu den Liebesliedern der LP. Ich möchte ja niemanden mit meinem Süßholzgeraspel einschläfern. [schmunzelt]

Autor: Chris Franzkowiak
Fotos: CMS Source

Golden Hour 

Kacey Musgraves