Interview: Joan Baez

Auf Wiedersehen! Joan Baez ist im Zuge ihrer Abschiedstour 2018 auch bei uns in Deutschland zu sehen. Die US-amerikanische Folk-Ikone Baez will dabei nicht nur ihrem Publikum Lebewohl sagen, sondern auch die Songs ihres letzten Studioalbums Whistle Down the Wind vorstellen.

Miss Baez, die Gitarre war ihre lange Karriere hindurch immer ihr Instrument – inwieweit haben die Veränderungen Ihrer Stimme, die sie jetzt tiefer singen lassen, sich auf das Gitarrenspiel ausgewirkt?

Joan Baez: Eigentlich gar nicht, nein. Ich habe allerdings die Gitarre einen halben Ton tiefer gestimmt, was dann doch einen enormen Unterschied ausmacht. Und dann erfinde ich immer wieder neue Tunings und andere Arrangements, aber das habe ich eigentlich seit Jahrzehnten nicht anders gemacht.

Das Album beginnt so, wie Ihre Karriere 1960 begonnen hat: nur mit Stimme und Gitarre, ehe die anderen Instrumente sehr verhalten einsetzen ...


Ja, das habe ich sehr bewusst so gemacht. Ich plane es nicht großartig, wenn ich eine neue Platte mache, aber etwas, das ich sehr wohl im Bewusstsein hatte, ist die Tatsache, dass dieses Album so etwas wie eine Buchstütze ist, mein Schaffen gewissermaßen abschließt. Mein erstes Album enthielt überhaupt nichts Politisches. Dennoch entwickelte es sich irgendwie sehr schnell zu einer Art Markenzeichen, dass ich Musik und Politik verbinde. Dieses Album reflektiert beides: Einerseits gibt es einfach schöne Balladen, andererseits sind da sozial bewusste Songs, wie ich sie nenne.

Wer oder was hat Sie einst überhaupt darauf gebracht, Gitarre spielen zu wollen?

Ich habe zunächst Ukulele gespielt, als ich 13 war. Sie gab mir Sicherheit und tröstete mich. Ich lebte damals in einem Teil der Welt, wo man meine Herkunft, meine Rasse nicht besonders geschätzt hat – und allein optisch ist der mexikanische Teil an mir der offensichtlichste. Die Ukulele war für mich eine Art Rückzugsmöglichkeit – bis ich dann merkte, dass mir die Leute zuhörten. Ich habe dadurch zwar keine Freunde in der Schule gewonnen, aber sie haben zumindest wahrgenommen, dass ich existierte. Meine erste Gitarre bekam ich, als ich 15 Jahre alt war. Wir fanden eine in der Garage, eine alte, die wohl 25 Dollar wert war. Nachdem ich erst mal damit angefangen hatte, habe ich sie nicht mehr aus der Hand gelegt.

Haben Sie sich das Spielen selbst beigebracht? Oder hatten Sie Unterricht?

Nein, ich hatte nie Gitarrenunterricht im landläufigen Sinne. Dass man es sich selbst beibrachte, hieß, dass man in Cafés ging und dort jeden fragte, was er machte und ob er einem etwas zeigen könne. So haben wir es damals gelernt, anders als im formalen Unterricht.

Und auf diese Weise haben Sie Ihren eigenen Stil entwickelt?

Ich habe überall und von allen etwas aufgeschnappt. Dieser spezielle Stil des Pickings, den ich pflege, kommt von Elizabeth Cotten [1895-1987], einer schwarzen Lady, die auch schon älter war, als sie wahrgenommen wurde. Sie war Linkshänderin, hat die Gitarre also quasi verkehrt herum gespielt, und entwickelte eine ganz eigene Technik: Sie spielte beim Fingerpicking die Melodie auf den hohen Saiten mit dem Daumen und den Wechselbass auf den tiefen Saiten mit dem Zeigefinger. Das haben wir dann praktisch für uns Rechtshänder übersetzt. Später kamen dann Einflüsse durch jene Leute, die wirklich wussten, was sie machten: Lester Flatt, Earl Scruggs und die Carter Family. Sie haben das Fingerpicking praktiziert, das heute eben auch mein Stil ist.

Letztes Studioalbum, letzte Welttour. Wie geht es Ihnen nun, da es losgeht? Sie haben gesagt, in dieser Situation könne man sich entweder die Kugel geben oder zur Ruhe kommen und seinen Frieden finden ...

Joan Baez: [Lacht schallend] Vielleicht hat es mit dem Alter zu tun, dass ich Ruhe und eine gewisse Erleichterung empfinde – und zugleich bin ich ein wenig unsicher, was ich mit dem Rest meines Lebens anfange. Natürlich werde ich hier und da noch auf die Bühne gehen, 15 Minuten bei einem Festival oder ein paar Minuten irgendwo als Gast – und wenn sie mich aus Südafrika anrufen, ob ich für die eine oder andere kleine gute Sache nicht kommen könnte, dann komme ich. Und natürlich unterstütze ich weiter Bewegungen und Aktivisten. Aber das ist etwas anderes, als sechs Wochen im Tourbus unterwegs zu sein.

Sie haben in diesem Jahr sehr viel Arbeit vor sich. Im nächsten werden Sie mehr Zeit für sich haben. Was machen Sie also mit dem Rest Ihres Lebens?

Ich werde mehr Zeit haben – aber ich stecke auch noch mitten in der Produktion einer Dokumentation über mein Leben. Und ich weiß nicht, ob die Doku zum Jahresende fertig sein wird. Das hat jedenfalls oberste Priorität. Und dann will ich endlich und wirklich malen!

 

 



Eine andere Möglichkeit, sich auszudrücken?


Genau.

Wie lange hat es gedauert, das Album einzuspielen?

Ich bin dreimal nach Los Angeles geflogen, jeweils für drei Tage. Aber Joe Henry, der diesmal produziert hat, pflegt eine ähnliche Arbeitsweise wie ich: Es muss schnell gehen. Übrigens habe ich für mein Debütalbum seinerzeit vier Tage am Stück gebraucht.

Text: Philipp Roser Fotos: Jeff Kravitz/Getty Images, Proper Records

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