Fingerstyle-Special: Tobias Rauscher

Als Fingerstyle-Gitarrist muss man oft mit seiner Gitarre eine ganze Band imitieren. Tobias Rauscher beherrscht diese Kunst meisterlich und wurde so zum Klickmillionär auf Youtube.

Tobias, der berühmteste Fingerstyler ist nach wie vor Tommy Emmanuel, aber der gehört nicht zu deinen Vorbildern. Wieso?

Tommy Emmanuel spielt klassischen Fingerstyle, während ich die moderne Variante bevorzuge. Ich habe zum Beispiel überhaupt keine bluesigen Elemente in meinem Spiel. Ich hole mir meine Inspirationen auch aus ganz anderen Musikrichtungen – etwa Metal, Post-Hardcore oder Alternative. Privat lege ich so gut wie keine Akustikmusik auf. Für spezielle Techniken werde ich natürlich von Leuten wie Andy McKee, Maneli Jamal, Mike Dawes oder Jon Gomm beeinflusst, die im modernen Fingerstyle zu den führenden Gitarristen gehören.

Heute bist du einer der profiliertesten deutschen Vertreter dieses Genres – nicht zuletzt dank deines sagenhaften Erfolgs auf Youtube. Wie ist das losgegangen?

Ursprünglich hatte ich meinen Youtube-Kanal für Reisevideos gestartet. Nach Andy McKee hatte ich allerdings den kanadischen Gitarristen Maneli Jamal entdeckt, dessen Art zu spielen mich sehr beeindruckt hat. Ein Cover von einem seiner Songs war dann mein erstes musikalisches Youtube-Video. Die ersten Views kamen zusammen, als er es selbst entdeckt und über seine Facebook-Seite geteilt hatte. Als das dann wildfremde Leute kommentierten und meinen Kanal abonnierten, war das echt ein seltsames Gefühl! Irgendwann dachte ich mir, dass ich mal einen eigenen Song auf Youtube stellen sollte. Das war dann „Memories“. Der ist dann ansatzweise viral gegangen und hatte irgendwann knapp 10.000 Views – das hat mich total geflasht und mir gezeigt, dass Leute meine Musik wirklich gut finden. Das hat dann so seinen Lauf genommen und wurde mit mehr Songs immer heftiger – momentan sind es etwa 15.000 Views täglich! Vor allem „Still Awake“ ist völlig durch die Decke gegangen und hat mittlerweile über vier Millionen Aufrufe. Auf meinem Kanal, wohlgemerkt – denn ein paar Leute aus der ganzen Welt haben das Video runtergeladen und auf ihrem eigenen Kanal wieder hochgeladen, wodurch auch noch ein paar Millionen zusammenkamen. Mittlerweile sind es zusammengerechnet etwa 15 Millionen Views.

Mit solchen Zahlen scheinst du nicht gerechnet zu haben.

Überhaupt nicht! Ich hätte auch nie gedacht, dass Youtube so eine Kraft hat. Anfangs bin ich da überhaupt nicht strategisch rangegangen oder mit dem Zweck, Promotion zu machen. Ist dir dadurch die Idee gekommen, deine „Guitar Academy“ ins Leben zu rufen? Es kamen eben immer wieder Fragen zur Spieltechnik – via Youtube, Facebook oder als private Nachrichten –, und es waren so viele, dass ich sie nicht beantworten konnte. Auch Unterrichtsanfragen wurden immer häufiger. Aber weil ich nicht jedem einzelnen Privatunterricht geben konnte, kam mir die Idee, eine zentrale Plattform aufzubauen, auf der meine Songs und meine Techniken allen Leuten zugänglich sind.

Was erwartet deine Schüler in dem Programm?

Insgesamt zwölf wöchentliche Lektionen. Darin geht es um modernes Fingerpicking, Tapping, perkussives Spiel, Harmonics ... Das Lehrprogramm zeigt die Fingerstyle-Techniken in verschiedenen Schwierigkeitsgraden. Natürlich immer auch anhand von Songbeispielen. Dazu gibt es komplette Song-Tutorials für alle, die meine Songs nachspielen wollen. Dafür sollte man natürlich schon ein gesundes Grundverständnis der Gitarre mitbringen – die Grund- akkorde, Barrégriffe und einfaches Fingerpicking sollten bereits laufen. Das Ganze geht übrigens ab neun Euro im Monat los.

Auf Facebook kann man lesen, dass du auch an einem Filmprojekt mitwirkst, dem „FingerStyle Movie“. Was hat es damit auf sich?

Das war ursprünglich ein Kickstarter-Projekt. Zwei Filmer aus Australien wollten eine Dokumentation über den modernen Fingerstyle drehen. Zu diesem Thema gibt es noch nicht so viel, dabei hat tatsächlich eine Evolution von der klassischen zur modernen Spielweise stattgefunden. Die beiden sind also rund um die Welt geflogen und haben mit allen Vertretern dieses Stils gesprochen – von Don Ross über Maneli Jamal bis Andy McKee. Und in Berlin bin auch ich noch vor die Kamera gekommen. Im Juli 2016 dürfte das Ganze dann zu sehen sein.

 

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