Acoustic Dreams: Martin HD-28 (2018) - Schlachtschiff in Glanzlack

Nimmt man eine Martin HD-28 in die Hand, können einen leicht nostalgische Gefühle überkommen. Schließlich ist die HD-28 seit Jahrzehnten der Inbegriff einer Martin-Dreadnought mit Wurzeln in der Vorkriegsära. Auch diesmal darf man wieder begeistert sein …

Die Martin Guitar Company baut seit 1833 in Nazareth, Pennsylvania, Akustikgitarren und ist damit eine der ältesten noch bestehenden Gitarrenwerkstätten der Welt. Im 19. Jahrhundert waren die Bodys generell klein und handlich, da sie fast ausschließlich zur Begleitung von Gesang dienten.

Mit dem Aufkommen von Bands und Bigbands verlangten Gitarristen Anfang des 20. Jahrhunderts nach lauteren Gitarren, mit denen sie auch im Bandgefüge etwa gegen Blasinstrumente eine Chance hatten. Martin folgte dem Ruf und entwickelte 1916 eine Gitarre mit größerem Body, die zunächst von der Bostoner Musikalienfirma Ditson vertrieben wurde.

Der Korpus wurde aufgrund seines für damalige Verhältnisse stattlichen Volumens nach einem zu dieser Zeit nagelneuen Superschlachtschiff, der „HMS Dreadnought“, benannte. Der Name setzt sich aus den englischen Wörtern dread und nought zusammen, was so viel bedeutet wie „Fürchte nichts“.

Die Akustikgitarren mit Dreadnought-Body waren anfangs wenig beliebt, weil ihr großer Korpus unbequem zu handhaben war. Aufgrund seiner akustischen Qualitäten setzte er sich aber mit der einen oder anderen Modifikation nach und nach durch. 

Seit 1931 vertrieb Martin seine Dreadnoughts unter eigenem Namen. 1934 wurde der Hals-Korpus-Übergang vom 12. auf den 14. Bund verlegt, was bis heute für diese Korpusform Standard ist. Man hatte zu dieser Zeit zwei Modelle im Angebot: Die D-18 mit Mahagonikorpus und Fichtendecke und die D-28 mit Palisanderkorpus und Fichtendecke. 

Der D-28 verpasste man zudem ein charakteristisches Decken-Purfling im Fischgrätendesign, weshalb sie als „Herringbone D-28“ bekannt wurde. Nachdem die D-28 in der Folge einige Modifikationen wie etwa ein massives Bracing oder ein größeres Verstärkungsholz unter der Brücke über sich ergehen lassen musste, wurde 1976 das originale „Herringbone D-28“-Design unter dem Namen HD-28 mit nur wenigen Änderungen wieder aufgegriffen und bis heute in regelmäßigen Modellvarianten fortgeführt. 

Einer der wichtigsten Unterschiede zwischen der „Herringbone D-28“ und der HD-28 ist die Herkunft des Korpusholzes, das Martin seit Mitte der 1960er aus Indien bezieht. Vorher kam es aus Brasilien. Außerdem ist der Stahlstab (truss rod) im Hals einstellbar, und die Bindings sind nun aus einem Kunststoff namens Boltaron gefertigt. Beibehalten wurde die Holzzusammenstellung mit Sitka-Fichtendecke, Palisanderkorpus, Mahagonihals und Ebenholzgriffbrett. 

Original sind auch das Herringbone-Decken-Purfling, die Style-28-Schalllochrosette sowie der „Diamond“ am Hals-Kopf-Übergang. Die Brücke besteht aus Ebenholz, die Kopfplattenauflage aus Palisander. Darin eingelassen ist der goldene Schriftzug Martin & Co. Für Sattel und Stegeinlage verwendet man nach wie vor Knochen. Andere Details sind von Jahresvariante zu Jahresvariante verschieden. 

Im überarbeiteten 2018er-Modell bringt Martin wieder einen Schuss mehr Vintage in die Optik: so zum Beispiel offene Schaller-Grand-Tune-Mechaniken mit Butterbean-Flügeln, eine getönte Decke, Snowflake-Inlays im Griffbrett oder ein Faux-Tortoise-Schlagbrett. Außerdem sorgt das flachere „Modified-Low-Oval“-Halsprofil für komfortablere Bespielbarkeit. Der Korpus ist hochglanzlackiert, der Hals matt. Die Verarbeitung ist vorbildlich.

Die Deckenverstärkung der HD-28 besteht im Unterschied zur D-28 aus abgekehlten 
Leisten (scalloped braces) in zum Schallloch hin verlagerter X-Anordnung (forward shifted). In der Tat fühlt und vor allem hört man die Decke erfreulich frei schwingen. Das Herausragende am Klang der HD-28 ist jedoch seine perfekte Ausgewogenheit mit der Martin-typischen Tendenz zur Wärme. 

Auf einem soliden, definierten Bassfundament sitzen wohldosierte Mitten und klare Höhen. Das Ganze klingt voll und knackig. Dafür sorgen die kräftigen .013-.056er-Saiten, die Martin werksseitig aufzieht. Dabei ist die Gitarre trotz der strammen Saiten sehr angenehm bespielbar. Dies ist vor allem auf den 43 Millimeter schlanken Hals zurückzuführen, dessen Bundierung zudem mittels Plek-Machine optimiert wird. Mit der HD-28 macht sowohl Strumming als auch Flatpicking nicht nur Spaß, sondern geradezu süchtig. 

Das bleibt hängen

Der perfekt ausgewogene, warme Klang der Martin HD-28 ist einfach der Hammer. Vor allem der Singer-Songwriter wird diesen Sound mögen. Band-Gitarristen sollten alternativ die D-28 oder die D-18 antesten, da beide einen etwas mittenbetonteren, durchsetzungsfähigeren Sound bieten. Die Gitarre kommt in einem stabilen Kunststoffkoffer. Mit einem Straßenpreis von etwa 3.200 Euro ist die HD-28 kein Sonderangebot, aber man hat an ihr mit Sicherheit sehr lange sehr viel Freude. 

Dr. Hans Joachim Schäfer


Modell Martin HD-28
Herkunft USA
Boden/Zargen Ostindischer Palisander, massiv
Decke Sitka-Fichte, massiv
Hals Mahagoni
Griffbrett Ebenholz
Steg Ebenholz
Halsbreite Sattel: 43 mm; 12. Bund: 54 mm
Bünde 20 Medium
Mensur 65 cm
Hardware offene Schaller-Grand-Tune-Mechaniken, verchromt, Butterbean-Flügel
Linkshänder ja
Internet www.martinguitar.com & www.ami-gmbh.de
Empf. VK-Preis 3.990,- € inkl. Koffer

 

 

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