Der Bluesexperte und seine Resonatorgitarren

Rainer Wöffler hat wohl eine der größten Sammlungen von Resonator- und akustischen Gitarren. Ein Besuch im Wunderland des jahrelangen guitar-acoustic-Autors.

Blues-Café-Autor Rainer Wöffler setzt bei seiner Innenausstattung auf viel Holz. Das bestätigen nicht nur die rustikalen Möbel, sondern insbesondere die rund 100 Gitarren und gitarrenähnlichen Saiteninstrumente. „Es sind hier gerade etwa 120 Instrumente. Die sind aber nicht alle mir, ich verkaufe und tausche auch viel mit Freunden und Schülern. Etwa 20 davon sind daher immer im fliegenden Wechsel“, verteidigt sich Rainer. In allen Formen und Farben und in jeder Ecke der gemütlichen Behausung sind sie hier zu finden. Im Schlafzimmer, Wohnzimmer, Flur – sogar in der Küche. Kleine Ukulelen, aufwendig verzierte Resonatorgitarren, skurrile Saiteninstrumente, die nur entfernt an Gitarren erinnern – es gibt nichts, was es nicht gibt. Manche mehr, manche weniger gewöhnlich. Einige spielt Rainer bei jedem seiner Auftritte, andere nimmt er nur selten in die Hand. Aber er kennt sie alle – und die Geschichte jeder Einzelnen.

Seit nunmehr 14 Jahren schreibt Rainer Wöffler für das guitar magazin den beliebten Bluesworkshop Blues-Café. Manch einer wundert sich, wie er da immer wieder neue Geheimnisse und seltene Songs zum Vorschein bringt. Hier kann sein Wohnhaus Abhilfe schaffen. Wo andere Bücher, Gläser oder Geschirr in Vitrinen und Regalen aufbewahren, finden sich bei Rainer Schallplatten und solche aus Schellack sowie CDs. Neben dem Plattenspieler braucht er deshalb ein Grammophon. „Es gibt viele Bluessongs, die es nicht auf CD oder Schallplatte gibt. Hier kommen die Schellacks in Spiel. Sie lassen das Herz eines jeden Bluesers höher schlagen. Es ist schwer, dran zu kommen, sie sind selten.“

An der Wand hinter den Geräten hängt ein recht bauchiges Instrument mit auffälligem Muster, das aussieht, wie eine Mischung aus Ukulele und Mandoline. „Das ist eine Charango, beliebt in Südamerika. Bei dem Muster handelt es sich nicht um ein Muster, sondern um ein Gürteltier. Das ist dort Tradition“. Rainer selbst hat es allerdings noch nicht übers Herz gebracht, auf dem Gürteltier zu klimpern.

Neben den Ukulelen besitzt Rainer zahlreiche Dobros und Resonator-Gitarren, die meisten natürlich vom Traditionshersteller National. „Eine Resonator-Gitarre war schon immer mein Traum Und zwar genau so eine, wie sie Rory Gallagher spielte. Ein altes Ding von National.“ Durch einen Job bei einem Musikladen, in München rückte der Traum in greifbare Nähe. Heute ist er stolzer Besitzer einiger National-Schätzchen aus den Dreißiger Jahren. Sogar aus den Anfangszeiten Ende der Zwanziger Jahre hat Rainer einige Tricones (mit drei Resonatoren) in petto. 

„Die Traumgitarre eines jeden Bluesers besitze ich auch“, sagt Rainer mit Blick auf seine Gibson L1, jene Gitarre, die Robert Johnson spielte. Sogar viersaitige Tenor-Gitarren gibt es in Rainers Sammlung. 

Peter Krause spielt kein Banjo

„Leider sind diese Instrumente aus der Mode gekommen und in Vergessenheit geraten. Noch bis in die Sechziger waren viersaitige Gitarren durchaus beliebt. Peter Kraus spielte so eine.“ Zu laute Banjo-Spieler seien der Grund dafür gewesen, dass Gitarrenbauer ihnen diese entsprechend leiseren Instrumente lieferten. Zurück zur eingangs so freischnauzigen Bemerkung, dass für Rainers Sammlung nichts zu skurril ist. Das stimmt soweit auch. Eine Lücke weist sein Sammelsurium dennoch auf: Es gibt keine E-Gitarre. „Elektrische Gitarren waren nie meine Stärke. Ich habe es probiert, aber ich mag den akustischen Ton lieber. Das andere ist mir zu modern.“ 

Dazu eine Anekdote: In der guitar-Redaktion kommen wöchentlich so einige CDs als Rezensionsexemplare an. Selbstverständlich kann unsere Musikredaktion auch nach eingehender Prüfung nicht alles davon ins Heft nehmen. Wenn dann der ein oder andere Künstler herumgereicht wird, ist die klassische Ausrede unseres selbsternannten „Blues-Opis“ und guitar-acoustic-Chefredakteurs Stephan immer: „Um unseren Rainer zu zitieren: Das ist mir einfach zu modern!“ 


 Wer Rainer Wöffler auf der Ukulele, der klassischen akustischen Gitarre oder der Resonator einmal live erlebt hat, wird ihm das verzeihen. Zusammen mit seiner Partnerin Tanja Wirz spielt Rainer 80 bis 90 Konzerte pro Jahr. Red Hot Serenaders nennen sie sich und spielen nicht nur Blues, sondern erzählen auch die zugehörigen Geschichten.Das ist noch nicht alles: Mit dem Quartett „Privatiers of Swing“ wird zwei bis vierstimmig gesungen und der Musik der Vierziger Jahre, dem Swing, gefrönt. Hinzu kommt Rainers Tätigkeit in einer siebenköpfigen Dixie-Band, geprobt wird nicht, sondern nur improvisiert. Trotz des ganzen spontanen Spielens ist Rainer als Gitarrenlehrer bei Blues-Fans längst kein unbekannter mehr. „Da ich viel unterwegs bin, unterrichte ich keine Anfänger. Meine Schüler sind vielmehr geübte Spieler, denen ich dann für einige Wochen was zum Üben aufgebe oder sie kommen mit konkreten Fragen.“ 

Rainers Rolle bei guitar acoustic 

Mit viel Liebe zum Detail erklärt Rainer Wöffler in jeder Ausgabe von guitar acoustic, was man mit einer Ukulele alles anfangen kann und wo die eigentlichen Ursprünge des Instruments liegen: Nicht nur auf Hawaii, sondern eben auch im Jazz der 20er Jahre. Bei guitar entschlüsselt er im Bluescafé monatlich, was eigentlich in den Texten gemeint ist. "Den Leuten zu erklären, was diese Blues-Sprache bedeutet, ist gar nicht so einfach.“ Schließlich seien fast 100 Jahre vergangen, eine lange Zeit für die sprachliche Entwicklung, die sich noch mit der geographischen Distanz verbinde. Und was motiviert Rainer dazu, sich damit so intensiv auseinanderzusetzen? „Blues hat etwas Universelles, das mich angesprochen hat. Obwohl ich keine dunkle Hautfarbe habe und noch nie auf einem Baumwollfeld gearbeitet hab. Diese Mischung aus emotionaler Tiefe und Humor begeistert mich noch immer. Die eigene beschissene Situation so übertrieben zu schildern, dass alle darüber lachen können, nimmt den Druck raus.“

Rainers gesammelte Werke als Bluesexperte gibt es in unseren Sonderheften namens "Bluescafé" - hier als PDF oder als Printversion verfügbar! Viel Spaß!

 

Text: Natalie Meyer

Fotos: Christopher Przybilla 

Dobro mit Spider-Cone-Resonator & National Triolian mit dem „bluesigeren“ Biscuit-Cone

Rainer und eine Dobro mit Spider-Cone-Resonator & National Triolian mit dem „bluesigeren“ Biscuit-Cone