Bei Ed Sheeran Zuhause: Spurensuche in Framlingham

Wir haben uns höchst persönlich auf Spurensuche nach Framlingham begeben - und erzählen euch die Stories hinter "Castle on the Hill", "You need me, I don't need you" oder "Eraser"

Es ist ein beschwerlicher Weg nach Framlingham. Doch die Fahrt lohnt sich für alle, die sich für den Mann hinter den Hits wie „Photograph“, „Thinking Out Loud“ oder „Shape of You“ interessieren. Framlingham gehört zu Ed Sheeran wie seine roten Haare, seine Loop-Station oder seine diversen Mini-Martins. Wenige Kilometer vom Dorf entfernt hat er sich ein Anwesen bauen lassen, viele seiner Texte spielen sich hier ab.

Bereits die beschwerliche Anfahrt nach Framlingham hat Ed in mehreren Songs musikalisch verarbeitet. In „English Rose“, dem romantischen Bonus-Track des zweiten Albums X, heißt es etwa:

“So I'll make my way through long winding country roads. But my heart still beats for my home and my English rose.“


Im Hit seines aktuellen Albums Castle on the Hill singt er:

„I’m on my way. Driving at ninety down those country lanes, singing to "Tiny Dancer"
And I miss the way you make me feel, and it's real. We watched the sunset over the castle on the hill“


Mit Castle on the Hill hat er seinem Wohnort endgültig ein Denkmal gesetzt: Die Burg auf dem Hügel heißt offiziell Framlingham Castle, erbaut im Jahr 1148. Im Refrain beschreibt Ed den magischen Sonnenuntergang über Framlingham Castle. Davon kann bei unserem Besuch kaum die Rede sein. Das regnerische Wetter hat sich zu Nebel verdichtet, die Sonne ist nur vage am Himmel zu erkennen. Am Fuß von Framlingham Castle befindet sich „The Castle Inn“. Hier spielt fast jeden Abend eine Live-Band. Auf Youtube existiert ein Video, wohl das allererste Musikvideo von Ed Sheeran überhaupt, in dem Ed genau in diesem Pub auftritt, über den nahe gelegenen Friedhof spaziert, vor Framlingham Castle posiert – und auf seinem Schulhof zu sehen ist.

Songwriting im Café

Betritt man den Marktplatz an einem für die Grafschaft Suffolk typisch regnerischen Tag, findet man schnell Zuflucht im „The Dancing Goat“, einem kleinen Café, das bei den Einwohnern ebenso beliebt ist wie bei so manchem Wanderer, der sich hierher verirrt. Hier hat Ed Sheeran als Teenie seine Songs geschrieben. Dave, der Besitzer, ist ein guter Freund von ihm. Über dem Tisch, an dem Ed gern den Stift zückte, hängt nun eine Version seines ersten offiziellen Albums + mit einer Widmung an die tanzende Ziege.

Ein weiteres Geschäft am Marktplatz, das eindeutig unter Eds Einfluss steht, ist der Charity-Shop des Saint Elizabeth Hospice. Im Schaufenster finden sich einige Schmuckstücke, die mit Songtexten von Ed Sheeran ausgestattet sind. Eine Werbemaßnahme, um merchandise-geile Groupies anzulocken? Mitnichten.

Eds Mutter Imogine Sheeran fertigt sie an; die Einnahmen kommen dem Krankenhaus zugute. Vor einiger Zeit spendete Ed drei Kleidersäcke an den Wohltätigkeitsladen seines Heimatdorfs. Sie brachten immerhin 35.000 britische Pfund ein, wie die ehrenamtliche Mitarbeiterin Rachail Pollard zu berichten weiß. „Das meiste Geld bekamen wir für die Kleidung, die er bei seinem Gastauftritt im Film Bridget Jones’ Baby trug. Wir konnten bei den anderen Kleidungsstücken nicht beweisen, dass die Klamotten wirklich von Ed waren – im Falle des Films war die Sache allerdings klar.“

Dass Ed nicht nur schnulzige Liebeslieder schreiben kann, sondern auch dem Sprechgesang nicht abgeneigt ist, zeigte er mit seinem Hit „You Need Me, I Don’t Need You“. In diesem Song ist ein weiterer Hinweis auf Framlingham enthalten. Dort heißt es: „Suffolk sadly seems to sort of suffocate me.“

Auf dem aktuellen Album % ("Divide) erinnert der gleichsam von Angst und Energie geprägte Opener „Eraser“ mit seinen gerappten Parts genau an jenen Song, den Ed schon in Londoner U-Bahn-Stationen gesungen hat. Textlich nimmt Ed darin wieder Bezug auf die Heimat:



„I was born inside a small town, I lost that state of mind. Friends and family are filled with envy when they should be filled with pride.“



Dazu muss man wissen, dass Ed Sheerans älterer Bruder Matthew als Komponist im klassischen Bereich aktiv ist und sogar schon eine Symphonie geschrieben hat.

Laut Caroline MacKenzie macht ihm der Ruhm seines Bruders schwer zu schaffen. Caroline kennt die Familie, insbesondere Mutter Imogene Sheeran – sie ist für die Charity-Organisation tätig, in der sich Imogene engagiert. „Wir kennen uns schon lange, denn bereits bevor Ed berühmt geworden ist, hat sie Schmuck hergestellt.“

Der erste Auftritt

Carolines Sohn James ist nur wenige Monate jünger als Ed und war eine Klasse unter ihm in der Thomas Mill Highschool im Ort. „Ich kann mich noch sehr gut an Eds allerersten Auftritt erinnern. Der Vater eines Klassenkameraden war verstorben, und die Schule organisierte ihm zu Ehren ein Wohltätigkeitskonzert. Ed kam komplett in Schwarz gekleidet auf die Bühne – nur er und seine Gitarre. Er starrte die ganze Zeit auf den Boden. Nach ein paar Minuten begannen wir im Publikum zu tanzen, und er entspannte sich.“

Es wird deutlich: Ed ist aus dieser Stadt nicht wegzudenken. Sie gehört zu ihm – selbst wenn er Tausende von Kilometern entfernt durch die Welt tourt. Hier ist er aufgewachsen, hier fand und findet er Inspiration – und hier leben immer noch viele seiner Freunde. „Eine enge Freundin von ihm, die im Dancing Goat gejobbt hat, ist jetzt mit ihm auf Tour unterwegs und am Merchandise-Stand tätig. Ed und seine Mutter helfen, wo sie können. Genau aus diesem Grund sind alle begeistert von ihm“, erklärt Caroline.

Sie verrät den Ort, an dem für Ed alles angefangen hat. Es ist der von den Einwohnern wegen der  Würze des heimischen Biers stark besuchte Pub „The Station“. Der Laden ist an diesem Abend rappelvoll, kein Sitzplatz mehr zu kriegen. Gut, dass man Bier auch im Stehen trinken kann. Eine kleine Anekdote weiß der Barmann zu erzählen: Vor ein paar Jahren besuchte Ed mit US-Superstar Taylor Swift den Pub. Ein Mädchen postete ein Foto der beiden auf einem sozialen Netzwerk – innerhalb weniger Minuten reisten Fans und Schaulustige aus der Umgebung an und umzingelten den Pub. So ganz anonym ist man also dank des Internets auch in Framlingham nicht …



An den Wänden der Getränkeoase hängen Fotos von einem wegweisenden Ge-schäftsabschluss zwischen Ed und Atlantic Records. Ein sehr junger, blasser Ed sitzt mit den Vertretern der Plattenfirma an einem Tisch, grinst über beide Ohren und hält einen Stift in der Hand. Vor ihm liegt ein Blatt Papier – sein erster Plattenvertrag. Bis dahin war es für den Framlinghamer ein beschwerlicher Weg.

Bereits 2006 und 2007 hatte er erste EPs (Ed Sheeran und Want Some?) produziert. 2008 versuchte er seine Bekanntheit zu steigern, indem er in kleineren Clubs spielte. 2009 folgten die EP You Need Me und eine gemeinsame Tour mit der Band Just Jack. In jenem Jahr spielte er über 300 Konzerte. Damit schaffte er es, ein immer größeres Publikum für seine Musik zu begeistern. 2010 folgte die Tournee mit dem Rapper Example sowie eine weitere EP: Loose Change.

Gleichzeitig wagte Ed einen mutigen Schritt und trennte sich von seinem Management – mit der Kampfansage „Du brauchst mich, Mann, ich brauch’ dich nicht“. Dann kaufte er sich ein Ticket nach Los Angeles. Sein Live-Konzept führte er dort weiter und trat in der ganzen Stadt auf. Die folgende EP No. 5 Collaborations Project schaffte es sogar in die UK-Charts, dank namhafter Gastmusiker wie des britischen Rappers Wiley. Erst dann kam es zum Signing mit Atlantic in Framlingham.

Den Sprung über den großen Teich schaffte er aber erst durch seine mittlerweile enge Freundin Taylor Swift. Das ehemalige Country-Girl war begeistert von dem jungen Briten und buchte ihn als Vorgruppe für die US-Tour ihres Albums Red (2013). Das Ergebnis ist die romantische Ballade „Everything Has Changed“, ebenfalls auf Swifts viertem Studioalbum Red zu finden. Ab diesem Zeitpunkt war Ed auf dem Weg zum Weltstar. Und obwohl er nun in der High Society Amerikas angekommen ist, zieht es ihn noch immer nach Hause ins kleine Framlingham.

Im Video von "Castle on the Hill" seht ihr Framlingham Castle mehrmals.
Übrigens:
Auch Eds Double im Video (Hugo) wohnt in Framlingham. Ed hat sich für ihn entschieden, weil er im Charity-Laden geholfen hat, seine Kleidung zu verkaufen.

Ja, Ed liebt seine Heimat so sehr, dass er Kompromisse eingeht. Und er liebt die Mädchen des Vereinigten Königreichs. Angefangen bei seiner ersten, langjährigen Teenie-Liebe Alice. Ihr widmete er alle Songs auf seinem ersten, von Lovesongs etränkten Album +. Weiter ging es mit der schottischen Singer-Songwriterin Nina Nesbitt („Nina“ auf dem Album X). Dazwischen finden sich viele kürzere Liaisons. Eds aktueller Freundin Cherry Seaborn ist mindestens ein Song – „Perfect“ – auf dem neuen Album Divide gewidmet. Mit dieser Dame schließt sich der Kreis, denn Cherry kennt Ed seit ihrer Schulzeit auf der Thomas Mill Highschool in Framlingham. In „Perfect“ erklärt Ed, sie hätten sich schon als Kinder ineinander verliebt und er wünsche sich eigene Babys mit ihr. (Mit weiteren Yellow-Press-Spekulationen wollen wir uns an dieser Stelle zurückhalten.)

Eines ist klar: Wer Ed Sheeran verstehen will, muss Framlingham kennen. Wer erlebt hat, mit welcher Bewunderung die Einwohner von ihm sprechen, wie allgegenwärtig er hier ist und wie sehr seine Familie ins Leben der Stadt involviert ist, der kann nachvollziehen, weshalb der 26-Jährige trotz eines geschätzten Vermögens von über 80 Millionen Pfund der authentische Junge von nebenan geblieben ist.Oder doch nicht?

 

 

Ein Parkhaus im Grünen


„Die Anwohner beschweren sich manchmal wegen der Lautstärke, denn wenn er hier ist, gibt es manchmal ausgiebige Partys. Und es gab ziemlich viel Ärger mit der Stadtverwaltung, weil er sich eine riesige Garage bauen lassen wollte.“ Caroline zieht die Augenbrauen hoch. Dass Ed sich trotz aller Bodenständigkeit mit seinem wohlverdienten Geld doch mal ein bisschen Luxus gönnen will, scheint ihr nicht zu gefallen. Tatsächlich ist die lokale Presse im Web voll von Berichten zum protzigen Ed-Sheeran-Carpark. Letzten Endes hat er sich mit einer kleineren Version begnügt.

Text: Natalie Meyer

Fotos: Natalie Meyer, Getty Images/Larry Bussaca (Foto mit Taylor Swift)

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